Dulce Maria Cardoso

stellt ihren neuen Roman Eliete. Das normale Leben [2023] vor.

Gesprächsübersetzung: Steven Uhly / Deutsche Lesung: Sylvia Wempner

(Lesungen und Gespräche am Nachmittag / Samstag, 26. August 2023 / Beginn: 14.30 Uhr)

Mit ihrem Roman Die Rückkehr wurde die Schriftstellerin Dulce Maria Cardoso 2021 erstmals in Deutschland bekannt. Bei seinem Erscheinen in Portugal 2011 brach der Roman ein Tabu, weil er erstmals die afrikanische Kolonialgeschichte Portugals in Angola aus der Sicht eines Rückkehrers erzählte. Aber nicht erst seitdem gehört die 1964 in Trás-os-Montes geborene Autorin zu den wichtigsten literarischen Stimmen in Portugal neben Hélia Correia oder Lídia Jorge. In Die Rückkehr verarbeitet Cardoso einen Teil ihrer eigenen Geschichte: Sie verbrachte ihre Kindheit in Angola und kehrte 1975 nach Portugal zurück: kurz nach der Nelkenrevolution, in der sich Portugal friedlich von der konservativ-autoritären, teils faschistischen Diktatur Salazars befreite, und kurz nach dem Unabhängigkeitskrieg in Angola. Cardoso studierte Jura, arbeitete als Rechtsanwältin und schrieb Drehbücher fürs Kino. Für ihr literarisches Werk erhielt sie zahlreiche Preise: den Literaturpreis der Europäischen Union 2009 sowie den Portugiesischen PEN-Preis 2011.

Nach Die Rückkehr musste die Leserschaft in Portugal sieben Jahre auf den neuen Roman der Autorin warten, der 2018 unter dem Titel Eliete. A vida normal erschien. Die deutsche Übersetzung von Steven Uhly wurde im Frühjahr abgeschlossen und wird nun pünktlich zu den Poetischen Quellen unter dem Titel Eliete. Das normale Leben veröffentlicht. Die Hauptfigur, Eliete, ist eine ganz normale Frau, die ihre Kindheit im Schatten des Salazar-Regimes verbracht hat und nun in der Mitte des Lebens steht. Ihr Beruf gibt ihr eine gewisse Sicherheit, erfüllt sie gleichzeitig mit Unbehagen. In der Ehe fühlt sie sich nicht glücklich und ihre Träume wurden von zwei inzwischen pubertierenden Kindern verdrängt. In der Beschreibung der Banalität des Alltags, der Betäubung durch die Routine, zeigt Dulce Maria Cardoso ihre Meisterschaft, mit der sie auch die ständige Unfähigkeit Elietes erzählt, ihre Einsamkeit zu beseitigen, bis sie eines Tages merkt, dass die Normalität sie gefangen hält.

» In dem Roman geht es für mich um Identität, und als ich mir die Frage nach der Identität stellte, der Identität von Eliete, meiner Identität und der Identität des Landes, wurde mir klar, dass ich die Erbin von Salazar bin. Möglicherweise sind wir das alle«, erzählt Cardoso im Interview über ihren großen Gesellschaftsroman.

»Den Raum zu enträtseln, der uns von anderen Menschen trennt, ist eine der größten Leistungen des neuen Romans von Dulce Maria Cardoso. […]. „Eliete. Das normale Leben“ hat alles, um ein langweiliges Buch zu sein. Außer, dass es von Dulce Maria Cardoso geschrieben ist. Es ist die Fähigkeit der Autorin, die das Buch […] zu einem der besten des Jahres macht.«
[Mário Rufino, Livrómano – crítica literária / www.livromano.pt]


Enric Vives-Rubio

Dulce Maria Cardoso