Dante Alighieri

(Florenz, 1265 – Ravenna, 1321)

(Das TISCHGESPRÄCH II / Sonntag, 29. August 2021 / Beginn: 16.00 Uhr / Einlass: 15.30 Uhr)

„Der Dichter der wirklichen Welt“ – Dante im 21. Jahrhundert

Zur Aktualität von Dante und seiner „Göttlichen Komödie“

»Die Komödie ist ein Buch, das wir alle lesen müssen. Es nicht tun heißt, uns des größten Geschenks berauben, das die Literatur uns geben kann; (…). Es handelt sich außerdem keineswegs um eine schwierige Lektüre. (…) das Buch an sich ist kristallklar. Und wir haben die zentrale Person, Dante, vielleicht die lebendigste Person der Literatur überhaupt, …«
[Jorge Luis Borges, Die göttliche Komödie in: Gesammelte Werke. Essays 1980-1982]

Über Dante Alighieri

„Wohl in der Mitte unsres Lebensweges / geriet ich tief in einen dunklen Wald, / so daß vom geraden Pfade ich verirrte.“ – so beginnt die Göttliche Komödie, ausgesprochen von einem einsamen, verzweifelten Menschen voller Angst in der Mitte seines Lebens. Der Dichter Dante hat sich diesen Satz selbst in den Mund gelegt und er ist gleichzeitig die Hauptfigur dieser vielleicht universalsten Dichtung über das Geschick des Menschen, die „von der irdischen Wirklichkeit in ihrer endgültigen und wahren Gestalt“ handelt (Erich Auerbach). Wie Dante aussah, kann man heute fast täglich auf der italienischen Zwei-Euro-Münze sehen, die sein Porträt zeigt, dass der Maler Raffael um 1510 anfertigte. Diese vermutlich bekannteste Zwei-Euro-Münze Europas drückt aus, wie sehr Dante inzwischen zu einer europäischen Identifikationsfigur geworden ist. Wer aber war dieser Dichter und Philosoph?

Geboren wurde Dante 1265 in Florenz. Der „Beatrice“ seiner Komödie, Beatrice Portinari, begegnet er wohl erstmals im Alter von neun Jahren und macht diese idealisierte Liebesleidenschaft bereits in seiner ersten kürzeren Erzählung Das neue Leben zum Thema. Im Verlauf der Jahre wird Dante zu einem angesehenen Bürger seiner Heimatstadt und auch mit politischen Ämtern betraut. Florenz ist damals gespalten in das Lager der kaisertreuen Ghibellinen und das der papsttreuen Guelfen, die sich wiederum in die Gruppe der Schwarzen und Weißen aufspaltete. Letzteren, die für die Autonomie von Florenz gegenüber dem Papst eintraten, gehörte Dante an. Als sich das Machtverhältnis zugunsten der schwarzen Guelfen verschob, wurde Dante 1301 in Abwesenheit zum Tode verurteilt und musste bis an sein Lebensende vogelfrei in der Verbannung zubringen.

Im Exil erschuf er mit der Göttlichen Komödie sein Hauptwerk, das die Bezeichnung „göttlich“ erst durch seinen ersten Biographen, Giovanni Boccaccio, um 1350 erhielt. Die drei großen Teile der Komödie – Inferno (Hölle), Purgatorio (Läuterungsberg) und Paradiso (Paradies) – bestehen aus insgesamt 100 Gesängen. Ein Gesang davon hat durchschnittlich 140 Verse, die ganze Komödie zusammen besteht aus 14.233 Versen. Dante verfasste sie absichtlich in der Volkssprache, dem „volgare“, weil er wollte, dass auch Laien sie lesen konnten. Dadurch wurde er nicht nur zum „padre della lingua“, zum Vater des heutigen Italienisch, sondern begründete „zugleich den gemeineuropäischen hohen Dichtungsstil aller Nationalsprachen“, wie der Romanist Erich Auerbach schrieb.

1321 stirbt Dante in Ravenna, wo auch sein Grabmal steht.

Zitate zu Dante:

»Ich möchte sagen, dass die Gründe für den Erfolg der Komödie sowohl in der Form, (…), als auch im Inhalt liegen, in der Botschaft, die uns Dante – dieser Mann mit einer Botschaft – vererbt. (…); es ist eine Botschaft, die wir uns auch ohne Glauben, auch ohne Gewissheiten anhören können, denn der Glaube an die Existenz Gottes, an die Seele und an den freien Willen scheint Grundfunktionen zu entsprechen, die an einem bestimmten Punkt der menschlichen Evolution entstanden und noch nicht verschwunden sind, Funktionen, auf denen auch die Komödie gründet und aus denen sich unsere moralische Welt herleitet.«
[Marco Grimaldi, Dante, nostro contemporameo]

»Als ich das erste Mal die Göttliche Komödie zu lesen begann, ging es mir genauso. Mich hat der Schlag getroffen. Wütend klappte ich das Buch zu und rief mit lauter Stimme: „So was! Der hat mir meine Idee geklaut!“«
[Roberto Benigni, Mein Dante]

»Die Divina Commedia raubt dem Leser seine Zeit nicht, sondern läßt sie vielmehr anwachsen, wie es ein Musikstück tut, wenn es gespielt wird.«
[Ossip Mandelstam, Gespräch über Dante]

»ich kann nicht sagen, ob mein Dante der ist, der von der Höhe eines thomistischen Himmels herab seinen Lesern einen unermesslichen und umfassenden Blick auf die Welt verleiht, oder der, der auf seinen Gängen durch die Gassen der Städte und die Schluchten des Apennins die Welt Punkt für Punkt analytisch beobachtet.«
[Pier Paolo Pasolini, Dantes Wille, Dichter zu sein, in: Ketzererfahrungen]

»Ich möchte sagen, dass die Gründe für den Erfolg der Komödie sowohl in der Form, (…), als auch im Inhalt liegen, in der Botschaft, die uns Dante – dieser Mann mit einer Botschaft – vererbt. (…); es ist eine Botschaft, die wir uns auch ohne Glauben, auch ohne Gewissheiten anhören können, denn der Glaube an die Existenz Gottes, an die Seele und an den freien Willen scheint Grundfunktionen zu entsprechen, die an einem bestimmten Punkt der menschlichen Evolution entstanden und noch nicht verschwunden sind, Funktionen, auf denen auch die Komödie gründet und aus denen sich unsere moralische Welt herleitet.«
[Marco Grimaldi, Dante, nostro contemporaneo]

»Undenkbar, Dantes Gesänge zu lesen, ohne sie auf die Gegenwart zu beziehen. Dazu sind sie geschaffen. Sie sind Gerät zum Einfangen der Zukunft. […]. Dante ist ein Antimodernist. Seine Gegenwart ist unerschöpflich, unermeßlich, unversiegbar.«
[Ossip Mandelstam, Gespräch über Dante]


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