Claudia Durastanti

stellt ihr Buch Die Fremde [2021] vor.
Gesprächsübersetzung: Annette Kopetzki / Deutsche Lesung: Sylvia Wempner

(Das Tischgespräch I: Samstag, 28. August 2021 / Beginn: 17.00 Uhr / Einlass: 16.30 Uhr)

Ihr Buch Die Fremde ist der erste Roman, der von Claudia Durastanti in Deutschland in der vielgelobten Übersetzung von Annette Kopetzki erschienen ist Der Roman handelt weniger von den verschiedenen Lebensbedingungen und Situationen, aus denen sich ein Gefühl des Fremdseins entwickelt, als vielmehr von dem Drang, derartige Situationen zu beschreiben und zu erklären, um sich endlich von dem Gefühl befreien zu können. Überhaupt ist die Suche nach einer Freiheit von äußeren Umständen Beurteilungen ein Bedürfnis, das fast alle Figuren des Romans in sich tragen und mit dem sie mehr oder weniger gut umgehen können.

Claudia Durastanti erzählt die stark autofiktional gefärbte Geschichte ihrer Familie, in deren Mittelpunkt vor allem das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter vor dem Hintergrund des unbändigen Unabhängigkeitswillens der alleinerziehenden Mutter immer wieder neu verhandelt wird.

1984 in Brooklyn, New York geboren, wächst Durastanti die ersten sechs Jahre als Kind gehörloser Eltern in der Gemeinschaft der nach Amerika emigrierten italienischen Auswanderer auf. Im Alter von sechs Jahren, nach der Trennung ihrer Eltern, kehrt ihre taube Mutter mit ihrem Bruder und ihr nach Italien zurück und zieht in ein kleines Dorf in der süditalienischen Basilikata. „Als Geschiedene in Süditalien! Sie kannte niemanden hatte Alkoholprobleme, rasierte sich die Haare. Sie suchte Isolation, eine radikale Einsamkeit“, beschreibt Durastanti die Situation in einem Interview. Die Mutter, die sich als Künstlerin versteht und kein Geld verdient, sucht kein Glück, sondern Aufmerksamkeit. Sie will wahrgenommen werden, aber nicht als Opfer ihrer Behinderung. Aus diesem Grund verweigert sie sich bewusst allen Konventionen des Alltags und wird zur Außenseiterin, was ihre Kinder in der Schule zu spüren bekommen. Trotz allem gibt es eine Bibliothek im Haus und es sind schließlich die Bücher, die Durastanti eine Welt eröffnen und sie eine Sprache finden lassen, die ihr jenseits des italoamerikanischen und süditalienischen Dialekts zu einem neuen Bewusstsein für die Vielheit des Lebens verhilft. Schließlich beginnt sie ein Studium in Rom und setzt es in London fort, wo Sie bis vor kurzem auch lebte.

Durastantis Buch ist, trotz aller Tragik der Figuren, nicht nur eine mutmachende Familiengeschichte, sondern es beleuchtet die Fragen von Fremdheit, Anderssein, Migration und Exil auf eine Weise, die einen Satz aus ihrem Buch als Fazit stehen lassen: „… kein Mensch sollte seiner Sehnsucht, anders zu sein, Grenzen setzen.“

»Es scheint, als hätte Die Fremde doppelt so viele Geschichten wie Seiten. Die Welt, von der dieser Roman erzählt, ist riesig – und gerade das macht ihn so aktuell. Ein Leben zwischen Kontinenten, Ländern und Sprachen, ein Hier, dass das Dort nicht ausschließt, kann sich fremd anfühlen und doch ein Zuhause sein.«
[Anna Vollmer, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung]


Sara Lucas Agutol

Claudia Durastanti