Donnerstag, 23.08.2018 / 19.30 Uhr / Eintritt: 10,00 €
Die Eröffnung / Das Autorenporträt I:
Der Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Imre Kertész: Das große Herz der Literatur oder Die Formulierbarkeit des Lebens
Mit: Ingo Schulze und Christina Viragh / Sprecher: Rolf Becker

und

Sa, 25.08.2018 / 15.30 Uhr / Eintritt: 11,00 € (Nachmittagskarte!)
Lesungen und Gespräche am Nachmittag zum Schwerpunkt „Zurück zur Literatur!“
Christina Viragh stellt ihren neuen Roman Eine dieser Nächte vor.


(c) Ayse Yavas

Christina Viragh

Aktueller Roman: Eine dieser Nächte [2018].
Übersetzte Bücher aus dem Ungarischen u.a.: Roman eines Schicksallosen [1996, Autor: Imre Kertész], Parallelgeschichten [2012; Autor: Péter Nádas]

Schon im Alter von 10 Jahren wollte Christina Viragh Schriftstellerin werden. „Vielleicht ahnte ich schon damals, dass ich das Leben nur so würde bewältigen können“, sagte sie dazu in einem Interview beim Goethe-Institut im Jahr 2012, nachdem sie im gleichen Jahr mit drei Übersetzungspreisen für ihre Übersetzung des über 1.700 Seiten starken Romans Parallelgeschichten des ungarischen Schriftstellers Péter Nádas ausgezeichnet worden war. Auf die Frage, ob sie sich eher als Übersetzerin oder Schriftstellerin betrachte, antwortet sie eindeutig: „In erster und in letzter Linie als Schriftstellerin“, denn das eigene Schreiben ist für sie „eine Existenzform, Übersetzen eine Arbeit, bei der man zum Glück die Fähigkeiten, die man sich in seiner Schriftstellerexistenz angeeignet hat, anwenden kann.“

Den Gedanken, als Übersetzerin zu arbeiten, hatte sie erst, als ein Verlag sie anfragte, ob sie ein bestimmtes Buch übersetzen könne. Ihre erste Übersetzung aus dem Ungarischen war dann das Buch Zwiesprache von Péter Nádas und Richard Swartz, das 1992 erschien. Nachdem das Hauptwerk von Imre Kertész unter dem Titel Mensch ohne Schicksal bereits 1990 auf Deutsch veröffentlicht worden war, wurde Christina Viragh wenige Jahre später mit der Neuübersetzung beauftragt, die schließlich 1996 unter dem neuen Titel Roman eines Schicksallosen erschien, für großes Aufsehen sorgte und Kertész als herausragenden Schriftsteller in Deutschland einer größeren Leserschaft erst bekannt machte. In ihrem Essay Bis hierher und nicht weiter beschreibt sie 2010, worin u.a. die Besonderheit dieses Romans von Kertész besteht: „Das der Autor nicht an unsere Empörung, nicht an unser Mitleid, sondern an unsere Instinkte appelliert. Und uns zur Identifikation, ja, fast zur Interaktion mit seinem Protagonisten und mit der Geschichte zwingt, wie es über das übliche Leser-Held-Verhältnis hinausgeht. (…) Im Perfekt pulsiert die Geschichte dem Leser zeitlich entgegen, statt auf die Vergangenheit festgenagelt zu sein.“

Ihr jüngstes Buch Eine dieser Nächte ist Viraghs sechster Roman. Die Nacht, um die es geht, verbringen die Erzähler des Romans bei einem gut zwölfstündigen Langstreckenflug von Bangkok nach Zürich. Ausgehend von den eigenen deftigen Geschichten, die der Amerikaner Bill den Passagieren in seiner unmittelbaren Umgebung aus seinem Leben erzählt, ob diese es hören wollen oder nicht, ruft er damit bei den Mitfliegenden eigene Erinnerungen und Phantasien wach. Viragh lässt so einen Erzählreigen entstehen, dessen Sog Gedanken an die Novellisten der italienischen Renaissance wie Giovanni Boccaccio, Franco Sacchetti oder Matteo Bandello geradezu herausfordert, die durch ihr scheinbar mündliches Erzählen alles Geschehen gegenwärtig gemacht haben, unabhängig davon, ob sich das Erzählte in einem plauderhaften, anekdotenhaften Ton oder in komplexeren Zeiten und Strukturen entfaltet. Am Ende des Romans kommt es zu einem imaginierten Gespräch zwischen der aus Ungarn stammenden, mitreisenden Schriftstellerin Emma Dèl, dem alter ego der Autorin, und ihrer Großmutter, der sie folgenden Satz sagen lässt: „Alle Momente sind in sich abgeschlossen und gleichwertig, und sie hängen mit allen anderen zusammen.“ Damit erhält die Vielstimmigkeit der durchflogenen und mündlich durcherzählten Nacht ihr Gefüge.

Die 1953 in Budapest geborene Christina Viragh kam mit sieben Jahren in die Schweiz. Sie wuchs in Luzern auf und studierte Philosophie und Literatur in Lausanne. Seit den 1980er Jahren arbeitet sie als Schriftstellerin und als Übersetzerin, hauptsächlich aus dem Ungarischen, ihrer Muttersprache. Viragh ist seit 1999 korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und lebt in Rom.

„Mit faszinierter Anteilnahme denken zum Schluss nicht nur die Reisegefährten an Bill zurück. Auch wir Lesenden können uns dem Sog seiner ausufernden Erzählungen und dem Charme seiner forschen Leutseligkeit nicht entziehen.“ [Daniel Rothenbühler, viceversaliteratur.ch]