Björn Kuhligk

stellt seinen Gedichtband Die Sprache von Gibraltar [2016] vor.

(LYRIK-ABEND: In Zusammenarbeit mit der Ev. Kirchengemeinde Bad Oeynhausen-Altstadt /
Freitag, 27. August 2021 / Ort: Auferstehungskirche in der Innenstadt von Bad Oeynhausen /
Beginn: 19.30 Uhr / Einlass: 18.30 Uhr)

„Nicht-Weiße / in der Hoffnung hat der Mensch keine Farbe. / Nicht-Weiße / In der Würde hat der Mensch keine Farbe“, lautet ein Textauszug aus dem dokumentarisch-lyrischen Filmessay Der Zorn von Pier Paolo Pasolinis, der in Afrika und seinen Menschen eine „letzte Hoffnung“ für die konsumkapitalistische Zivilisation des Westens sah. Heute versammeln sich tausende afrikanische Menschen in ihrer größten Not und Verzweiflung und in ihrer großen Hoffnung auf Europa in Ceuta und Melilla, zwei Städten, die als spanische Enklaven auf dem afrikanischen Kontinent gegenüber von Gibraltar liegen. Eine sechs Meter hohe, messerscharf bewachte Grenzzaunanlage trennt hier die Not vom Reichtum, die Hoffnung von der Enttäuschung, die entwürdigende Inhumanität von der vermeintlich aufgeklärten Humanität.

In eine solch skandalöse Situation vertieft sich ein Schriftsteller, nach dem englischen Autor John Burnside, in dem Moment, in dem er beginnt, mit seinen Gedichten auch eine Antwort auf die Geschichte zu suchen. Genau das tat Björn Kuhligk 2015, in dem Jahr der großen Flüchtlingsbewegungen nach Europa, und machte sich auf den Weg nach Melilla. „Es ist für meine Arbeit unabdingbar, dass ich sehen, spüren oder erleben kann, worüber ich schreibe“, so Kuhligk in seiner Dankesrede bei der Auszeichnung mit dem Arno-Reinfrank-Literaturpreis. „Ich bemühe mich, das Unsagbare, (…), also auch das Sprachlos-Machende zur Sprache zu bringen und hoffe, dass es so gelingt, etwas offen zu halten, das zwischen Gedicht und Lesern ein Dialog entstehen lässt.“ Genau dieses Gespräch eröffnet Kuhligk in seinem sechsten Gedichtband Die Sprache von Gibraltar, in dem er aufrichtig zeigt, wie aus der poetischen Wahrnehmung einer aktuellen politischen Situation, die für ihn als Dichter ebenso mit Zorn wie mit beunruhigenden Selbstzweifeln verbunden war, letztlich doch nur ein begrenztes Verstehen von Wirklichkeit erwachsen kann. Paradoxerweise wird den Leserinnen und Lesern des Gedichtbandes das Verständnis aber gerade durch die Verletzlichkeit des Autors in diese Einsicht erleichtert.

Björn Kuhligk wurde 1975 in Berlin geboren, wo er noch heute mit seiner Familie lebt und als Buchhändler, Schriftsteller und Fotograf arbeitet. Von 2003 bis 2006 war er Leiter der Lyrikwerkstatt „open poems“ der literaturWERKstatt Berlin und von 2015 bis 2017 leitete er das Lyrik-Schreibzimmer am Literaturhaus Frankfurt am Main. Er ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.

»Es sind scharfe Beobachtungen, klare Bilder und konkrete Aufzählungen, die politische Strahlkraft erreichen – etwas doch eher Atypisches für zeitgenössische deutschsprachige Lyrik. (…), aber dank seiner klaren Sprache erreicht der Lyriker bei der Leserschaft eine plausible Vorstellung davon, wie ein Fluchtgedanke zustande kommt und wie eine solche Flucht konkret abläuft oder womöglich auch jäh zu Ende geht.«
[Rafael Werner auf www.rezensionen.ch]


Achim Wagner

Björn Kuhligk