Arnold Stadler

stellt seinen Roman Am siebten Tag flog ich zurück [2021] vor.
(Lesungen und Gespräche am Nachmittag / Sonntag, 28. August 2022 / Beginn: 14.00 Uhr)

„Was früher Fortschritt hieß, nannte sich nun Globalisierung. Aber die Welt schien mir trotzdem weniger geworden“, sagt der Icherzähler an einer Stelle in Arnold Stadlers neuem Roman Am siebten Tag flog ich zurück. Wie alle Bücher Stadlers ist auch dieses eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit der Sehnsucht eines Menschen nach Glauben, Hoffnung, nach etwas Andächtigem, vielleicht sogar Heiligem im Anblick einer Welt, in der die Menschen eher auf der Flucht vor sich selbst sind und vergessen zu haben scheinen, dass das Leben kurz ist „und die Welt groß und unübersichtlich …“.

Ausgehend von einem Ölgemälde in der Stube des elterlichen Hofes in Rast bei Meßkirch, wo Stadler 1954 geboren wurde und heute noch lebt, auf dem der Kilimandscharo wunderbar anzuschauen war, entwickelt sich beim Icherzähler schon in der Kindheit die Sehnsucht, von „Schwäbisch Mesopotamien“ aus unterwegs zu sein, auf Reisen zu gehen und diesen Berg in Wirklichkeit zu sehen. Als er von einer deutschen Wochenzeitung das Angebot erhält, sich für die Reisebeilage einen Sehnsuchtsort auszusuchen und davon zu berichten, macht er sich auf den Weg nach Afrika, um endlich dem höchsten Berg in der Nähe des Äquators zu begegnen. Am Flughafen wird er von seinem Fahrer Freddy abgeholt und wie Don Quijote wird er von diesem Sancho Panza in den folgenden sechs Tagen von einer Unterkunft zur nächsten begleitet.

Die Leserinnen und Leser dürfen jedoch keinen Reisebericht erwarten. Dem rhythmisch gestimmten Roman steht als Einleitung ein Präludium voran, welches als längeres Gedankenspiel mit etlichen Abschweifungen auf die bevorstehende Reise vorbereitet. Diese wird dann wie ein sehr heiter lebendiges Orchesterwerk in sechs vielstimmigen Fugen mit aufmerksamen Wahrnehmungen und erneut vielen gedanklichen Einfällen und Erinnerungen beschrieben, die aber nichts anders sind als die Konzentration auf die Fluchtbewegung, die den Erzähler endlich an den Fuß des Kilimandscharos bringt. Beim Anblick des Berges „auf der anderen Seite meiner Augen“ ergeht es dem Erzähler, der niemand anderes als Arnold Stadler selbst ist, wie bei der Betrachtung eines Bildes seines geliebten Maler Mark Tobey: „Das Schöne muss nicht verstanden werden“, denn weil es in der Welt ist, muss man es lieben. Mit dieser Einsicht kann er schließlich am siebten Tag zurückfliegen.

»Arnold Stadler ist ein Meister der Lakonie und Selbstironie, der Pointe und des wunderbar kultivierten Selbstzweifels. Am siebten Tag flog ich zurück besticht als famoses Räsonnement voll Wissen, Witz und Melancholie. Die Assoziationen klickern und klackern wie die Kugel im Flipperautomaten. […]. Wie der Erzähler sein Ringen in und mit der Welt zum Besten gibt, ist ein Erlebnis – in etwa so stark wie das einer Safari, bei der die „Big Five“ im Minutentakt hintereinander paradieren.«
[Martin Oehlen, Frankfurter Rundschau]


Brigitte Friedrich

Arnold Stadler