Sonntag, 26.08.2018 / 16.30 Uhr / Eintritt: 8,00 € (Nachmittagskarte!)
Ort: Naturbühne od. Literaturzelt im AQUA MAGICA Landschafts- und Kulturpark

Das Tischgespräch II:
Vom Verschwinden der Dinge

Arno Camenisch im Gespräch mit Hans Maarten van den Brink


(c) Janosch Abel

Arno Camenisch

Aktueller Roman: Der letzte Schnee [2018]

„…, was einem bleibt,
ist dann höchstens zu erzählen, wie es mal war.“
[Arno Camenisch aus Der letzte Schnee]

Seit seinem 2009 erschienenen Roman Sez Ner gehört Arno Camenisch zu den meistgelesenen Autoren in der Schweiz. Der Titel verweist auf die Besonderheit dieses Schriftstellers: Der Piz Sezner ist ein 2.310 Meter hoher Berg, der in der Schweiz nicht nur zwei Täler, sondern auch zwei Sprachregionen voneinander trennt. Auf seiner Nordseite wird deutsch gesprochen, auf der Südseite spricht man rätoromanisch, neben Französisch, Italienisch und Deutsch eine der vier Schweizer Amtssprachen, die sich selbst wieder in Unteridiome einteilt. Arno Camenisch, der 1978 in Tavanasa, einem kleinen Bergdorf in Graubünden, geboren wurde, wuchs dort zweisprachig mit deutsch und rätoromanisch auf. Der Reiz von Sez Ner besteht drin, dass das Buch zweisprachig geschrieben wurde, auf Deutsch und in dem rätoromanischen Mutteridiom von Camenisch, dem Sursilvan. Inzwischen sind seine Werke in fünfzehn Sprachen übersetzt, Camenisch wurde mit etlichen Literaturpreisen ausgezeichnet und zu seinen oft performanceartigen Lesungen strömt das Publikum.
Seinem neuen Roman Der letzte Schnee merkt man den Rhythmus seiner romanischen Mundart an, obwohl er nur auf Deutsch geschrieben wurde. Die hin und wieder auftretenden mundartlichen Wendungen verbinden sich verständlich mit dem Schriftdeutschen. Das Buch handelt von der Wahrnehmung einer Welt, die verschwunden ist: Paul und Georg arbeiten in den Bündner Bergen als Liftwarte an einem Schlepplift, der Tag für Tag über seine Bügel den Berg hoch und wieder hinunter rattert. Ein Geräusch, was das ganze Buch über im Hintergrund erklingt. Der Schnee bleibt immer öfter aus, die Gäste werden immer weniger und wer mit Geldkarte den Lift bezahlen möchte, wird fortgeschickt, weil man hier mit Karte nicht zahlen kann. Paul und Georg verbringen ihre Zeit mit dem Reparieren des Lifts, dem Ordnen der Billets und Gesprächen, die sie in ihrer existentiellen Leichtigkeit zu staunenden Philosophen und Beobachtern einer Welt im Wandel machen. Sie staunen über die Liebe, das Verschwinden des Postautos und der Postfiliale im Dorf, der Aufgabe des „Dorflädelis“, den Gletscherabbruch. Wie Estragon und Wladimir in Beckets Warten auf Godot, haben auch Paul und Georg eine Ahnung von dem unausweichlichen Schicksal, dass sich wie ein Nebel um die Menschen und die Welt legen wird: „Der Tod kuriert uns vom Leben, sagt der Georg und zündet sich die Zigarette an. Gib mir sonst auch so ein Zigarettli, sagt der Paul, wenn alles vergebens ist, kann man auch ein Zigarettli rauchen.“

„Wieder einmal ist es der Literatur gelungen, das Verschwinden aufzuhalten, indem man es aufhebt in einem wunderbaren Text.“ [Martin Ebel, Tages-Anzeiger, Zürich]