Armin Nassehi

Bücher u.a.: Unbehagen. Theorie der überforderten Gesellschaft [2021], Das große Nein [2020], Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft [2019]

(Das Sonntagsgespräch – Forum für Demokratie / Sonntag, 29. August 2021 / Beginn: 11.30 Uhr / Einlass: 10.30 Uhr)

»Das Anstrengende an der Moderne ist der Zwang zur Lebensführung, die partielle Freiheit in einer Welt, die so ist, wie sie ist, die Notwendigkeit, unter riskanten und unsicheren Bedingungen und Entscheidungsspielräumen Zurechnungspunkte für Entscheidungen zu finden. Gefordert ist eine Transparenz der individuellen Wünsche und Motive bei gleichzeitiger Unkalkulierbarkeit der Folgen.«
[Armin Nassehi, Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft, 2019]

Laut der tageszeitung (taz) ist Armin Nassehi „Deutschlands wichtigster Gegenwartsanalytiker“. Als solcher hat er vor zwei Jahren das Muster für eine Theorie der digitalen Gesellschaft verfasst, um sich im Jahr darauf genauer mit den Formen von Protestbewegungen auseinanderzusetzen, in dem er Protest als dann wahrscheinlich annimmt, „wenn Interessen, Geltungsansprüche und Kritik an sich selbst erleben, dass sie sich in den eingefahrenen Routinen einer trägen Gesellschaft nicht durchsetzen können.“ Bereits in einem in der ZEIT im Jahr 2017 veröffentlichten Essay analysierte Nassehi nachdrücklich die Gewaltausbrüche während des G20-Gipfels in Hamburg unter der Überschrift „Eine Linke braucht es nicht mehr“. Am Ende dieses Essays kommt er zu dem Schluss, „dass es noch keine Idee davon gibt, wie man die Wirkkräfte einer in sich differenzierten Gesellschaft nutzen kann, damit sie sich zum Besseren wendet.“ Aus dem Nichtvorhandensein dieser Idee speist sich das Unbehagen großer Teile der Bevölkerung innerhalb komplexer Gesellschaften, die sich umgekehrt dadurch selbst im Modus einer fast dauerhaften Krisenbewältigungsaufgabe empfinden, ohne Aussicht, je auf eine vorherbestimmte Ordnung zurückkehren zu können. Hier stellt sich dann die Frage, wie sich eine Gesellschaft unter den zu erwartbaren Umformungen, dennoch zukunftsweisend so verändern kann, dass wir weiterhin von einer gerechten, vielleicht sogar sinnstiftenden und demnach in unserem Verständnis freiheitlich-demokratischen Gesellschaft sprechen können, deren Unbehagen alleine in der Gefahr bestünde, in Gemeinschaften zu zerfallen, die sich gegenseitig das Gute streitig machen. Vielleicht bräuchte es dazu dann doch wieder eine progressive Linke, die auf institutionell funktionierende Verfassungsorgane bei gleichzeitiger Verweigerung gegenüber einer Staatsautorität baut und die den Kapitalismus neu denkt, anstatt ihn gleich abschaffen zu wollen.

Armin Nassehi, geboren 1960 in Tübingen, ist Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Soziologie und Gesellschaftstheorie an der Ludwig-Maximilian-Universität München und seit 2012 Herausgeber der 1965 durch Hans Magnus Enzensberger gegründeten Kulturzeitschrift „Kursbuch“. Sein methodischer Forschungsansatz, der von der empirischen Sozialforschung zur Gesellschaftstheorie und zur Wissenssoziologie reichen, ist von Niklas Luhmann beeinflusst.


Hans-Guenther Kaufmann

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