Sa, 25.08.2018 / 18.00 Uhr / Eintritt: 11,00 € (Nachmittagskarte!)
Ort: Naturbühne od. Literaturzelt im AQUA MAGICA Landschafts- und Kulturpark

Das Tischgespräch II:
„Zurück zur Literatur!“ – Über den Mut des Zweifelns, die Kraft der Zerstreuung und den Widerstand gegen das vorgegebene Denken.

Aris Fioretos im Gespräch mit Roland Reuß


(c) David Brandt

Aris Fioretos

Bücher u.a.: Wasser, Gänsehaut. Essay über den Roman [2017], Mary [2016], Die halbe Sonne [2013]; Der letzte Grieche [2011]; Das Maß eines Fußes [2008].

Zumindest hege ich den Verdacht, dass Prosa nur dann, wenn sie von Veränderlichkeit (auch ihrer eigenen) ausgeht, mehr bieten kann als hübsch verpackte Geschichten, zubereitet nach den aktuell ermittelten Marktbedürfnissen (im einen Jahr Genderfragen, im nächsten Migrationserfahrungen), und zu einem narrativen Bewusstsein wird, dass weit genug ist, um einer verborgenen Menschheit Raum zu geben. Denn, Hand aufs Herz, das ist es doch, worum es in der Literatur letztlich geht: Teilhabe.“
[Aris Fioretos aus Wasser, Gänsehaut]

In seinen Sechs Vorschlägen für das nächste Jahrtausend bezeichnete der Schriftsteller Italo Calvino die Leichtigkeit, die Schnelligkeit, die Genauigkeit, die Anschaulichkeit und die Vielschichtigkeit als Qualitäten der Literatur, die ihm für das 21. Jahrhundert am Herzen lagen. Diesen fügt Aris Fioretos in seinem Buch Wasser, Gänsehaut weitere hinzu. Da ist zum einen die „Evidenz“, mit der uns der Roman etwas wahrnehmen lässt, als wäre es das erste Mal und dennoch nichts Unbekanntes. Nur so vermittelt er seinen Lesern „eine Erfahrung von Unwiderlegbarkeit“. Ein weiterer Wert des Romans ist die „Liquidität“: Für Fioretos stellt das „Wasser [ein] Sinnbild für die erzählende Prosa“ dar. Auf dem Wasser gleiten die Leser eines Romans von einem Ufer an das andere. Gleichzeitig ist Wasser ein hybrides Element, immer im Fluss und deshalb ständig vermischt durch Zu- und Abläufe. So ist es zwar steter Veränderung unterworfen, verdeutlicht aber auch die Möglichkeit zur Teilhabe, weil es Ufer und sogar Kontinente miteinander verbindet. In diesem Sinn ist es wie der Roman eine Ausdrucksform, die nach außen wiedererkennbar bleibt, im Inneren jedoch viele unterschiedliche Stimmen in sich sammelt. Für Fioretos enthält ein solcher Roman die Möglichkeit des Erkenntnisgewinns für die Leser aufrecht, ganz anders als „die schablonenhafte Erzählkunst, die dichtgedrängt in den Flughafenbuchhandlungen dieser Welt steht“, die dem Leser nichts zeigen, was er nicht ohnehin schon kennt. Eine solche „Teddybärisierung der Welt“ kann für Fioretos nicht das letzte Wort des Romans im 21. Jahrhundert sein. Die Biologie der Literatur ist für ihn erst dann eingelöst, wenn sie uns „bis auf die nackte Haut“ angeht: „Auch die Gänsehaut [kann] eine Bekleidung sein“.
Wie wichtig Aris Fioretos die Liquidität der Literatur ist, lässt sich vor seinem biographischen Hintergrund verstehen. Der schwedische Schriftsteller, seit 2011 einer der Vizepräsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, wurde 1960 in Göteborg als Sohn eines griechischen Vaters und einer österreichischen Mutter geboren. Erfahrungen werden für ihn deswegen erst dann wirklich lesbar, wenn sie erzählen, dass die Unterschiede das eigentlich Teilbare zwischen den Menschen sind.