Anja Kampmann

(Donnerstag, 26. August 2021 / Beginn: 19.30 Uhr / Einlass: 18.30 Uhr)

Bücher: der hund ist immer hungrig [2021], Proben von Stein und Licht [2016] und Wie hoch die Wasser steigen [2018]

Beim neuen Gedichtband von Anja Kampmann fällt einem sofort der scheinbare Gegensatz zwischen den überaus gegenwärtigen Gedichten und der offensichtlichen Freskoabbildung aus der frühesten Renaissance auf dem Bucheinschlag auf. Die Anmerkung zu dem ersten Gedicht, das in das Buch einleitet, gibt darüber Auskunft: Das Fresko wurde ein Jahr vor Ausbruch der großen Pest in Italien 1348 für Papst Clemens VI. angefertigt und das Gedicht mit dem Titel „es war das jahr“ geht auf die gegenwärtige Pandemie ein. Gleich hier soll darauf hingewiesen werden, dass der Gedichtband an seinem Ende einen vierseitigen Anmerkungsapparat enthält, der kein Ärgernis darstellt, sondern fast in Form von Kürzesterzählungen manche Gedichte mit Geschichten erhellt, die den Lesern zusätzliches Wissen bescheren.

Die Gedichte selbst erscheinen illusionslos und nüchtern, bisweilen sogar kalt. Sie beschreiben eine Welt, die mit Naturzerstörungen und oft durch technische Errungenschaften bedingte seelische Zerrüttungen über den modernen Menschen hinweggefegt ist. Die Gedichte legen wenig Wert darauf, mit einer melodiösen Sprache zu überzeugen. Vielmehr schaffen sie es, mit einer widerspenstigen Rhythmik wie Stolpersteine für jedes bequeme Gewissen zu wirken. Nie sind sie dabei in einem bedeutungslosen, hoffnungsfreien Zeitloch verloren, weil stets ein aufmerksames Bewusstsein und ein Erfahrungswissen mitschwingt, das sowohl ein persönliches Erinnern als auch ein historisches Erinnern in die Zeilen und Verse mit einschreibt: „als wir noch wussten wer wir waren nicht eingehüllt / ins tischtuch zukunft …“ Es ist dieses vergangene Gedächtnis, was die Gedichte Kampmanns mit Zeit und mit Tiefe anreichert und dadurch erst ein Bewusstsein für die Gegenwart schafft.

Anja Kampmann, 1983 in Hamburg geboren, studierte an der Universität in Hamburg und am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Mit der englischen Übersetzung ihres Romandebüts Wie hoch die Wasser steigen war sie 2020 Finalistin der National Book Awards in den USA. Im gleichen Jahr erhielt sie zusammen mit Norbert Hummelt den Rainer-Malkowski-Preis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Kampmann, deren Lyrik und Prosa nicht nur vielfach übersetzt, sondern auch vertont wurde, arbeitet oft mit zeitgenössischen Komponisten zusammen. Sie lebt in Leipzig.

»In Anja Kampmanns Gedichten gibt es ein unterschwelliges Bewusstsein dafür, dass die Welt in der Form, in die wir hineingewachsen sind, fragwürdig geworden ist. Die Zerstörung der Natur, das Verschwinden der gewohnten Lebenszusammenhänge wird bereits als gegeben vorausgesetzt. Das hat etwas Verstörendes, und zugleich ist es von einer merkwürdig vibrierenden sprachlichen Schönheit. Diese Gedichte spielen nicht, sie täuschen nichts vor. Sie sind ein Stachel, der bleibt.«
[Helmut Böttiger, Deutschlandfunk Kultur]


Juliane Henrich

Anja Kampmann