András Forgách

stellt sein Buch Akte geschlossen. Meine Mutter, die Spionin [2019] vor.

Sonntag, 25. August 2019 / 18.30 Uhr / Die Autorenbegegnung IV / AQUA MAGICA-Park

Es gibt Dinge, die können wir nur verstehen, wenn sie uns selbst widerfahren. Es gibt keine andere Möglichkeit, sie zu erfassen. Nur das Geschehen selbst gibt uns Aufklärung darüber, was in Wirklichkeit geschehen ist. Wenn wir über eine hinreichend mutige und wilde Phantasie verfügen, können wir uns eine Vorstellung davon machen, aber verstehen können wir es erst, wenn es wirklich passiert.
[aus: András Forgách, „Akte geschlossen“]

Dieses Buch, welches in Ungarn ein Sensationserfolg war, inzwischen in 14 Sprachen übersetzt wurde und dessen Filmrechte bereits verkauft sind, begann 2013 mit dem Anruf eines Bekannten bei András Forgách. Dieser teilte ihm mit, dass er im Archiv des Innenministeriums in Budapest auf eine Akte gestoßen sei, aus der hervorging, dass Forgách Mutter für den Geheimdienst gearbeitet habe. Für den 1952 geborenen Forgách, der bereits 2007 ein umfangreiches Buch über seine Familie geschrieben hatte, brach eine Welt zusammen, weil er erkennen musst, dass diese Familienerzählung auf einer Lüge beruhte, weil er sich absolut sicher war, dass seine Eltern nicht Teil der Geheimorganisation waren: „Aber ich lag falsch. Ich musste all meine Überzeugungen über das System, über meine Familie (…) neu bewerten. (…). Diese Neubewertung ist auch für die gesamte ungarische Gesellschaft wichtig, da das Vokabular und das Wissen über dieses ganze Phänomen in meinem Land nicht sehr entwickelt ist – wenn jemand als Informant gebrandmarkt und stigmatisiert wird, ist er einfach ein Verräter; es ist fast das Ende der Geschichte“, sagte Forgách in einem Interview.

„Frau Papai“ – so lautete der Deckname von Forgáchs Mutter Bruria, die 1922 geboren wurde und in Jerusalem als Tochter des namhaften jüdisch-ungarischen Dichters und Übersetzers Mordechai Avi-Shaul aufwuchs. Wie durch ein Wunder überlebten die Verwandten in Ungarn den Terror der faschistischen Pfleilkreuzler. Forgachs Vater Marcell entkam hingegen als einziger Überlebender seiner Familie der Ermordung der ungarischen Juden. Beide lernten sich in Palästina kennen. Hier waren sie im Unterschied zu vielen anderen ausgewanderten Holocaust-Überlebenden überzeugte antizionistische Kommunisten und kehrten kurz nach Kriegsende nach Budapest zurück, in ein Land, das seinen Judenhass nicht verbarg.

Forgách war wie seine drei Geschwister ab Ende der 1970er Jahre in Ungarns dissidentischen Künstler- und Literatenkreisen unterwegs und gehört heute zu den prägenden Gestalten des kulturellen Lebens in Ungarn. Akte geschlossen, betont er zuversichtlich, muss mehr sein „als nur ein bestimmtes Fragment der ungarischen Geschichte; es muss einen universellen Reiz haben“, der, so hofft er, einen Dialog auslösen wird.


Andras Eberling

András Forgách