Alexandre Hmine

stellt sein Buch Milchstraße [2021] vor.
Gesprächsübersetzung: Annette Kopetzki / Deutsche Lesung: Thomas Streibert

(Das Tischgespräch I: Samstag, 28. August 2021 / Beginn: 17.00 Uhr / Einlass: 16.30 Uhr)

Das die Frage nach Zugehörigkeit mehr ist als die Frage nach der Identität zeigt das erste Buch des schweizerischen Schriftstellers Alexandre Hmine auf mitreißende Art. Identität – schon als Wort abstrakt und auf nichts konkret Gegenständliches bezogen – ist ein starrer Block, der sich aus Situationen oder Zufällen ergibt, für die man selbst keine Entscheidung treffen musste, wie z.B. der Geburtsort, das Geburtsland, die Muttersprache. Dagegen finden sich in dem Wort Zugehörigkeit die Begriffe des Wahrnehmens, des Zuhörens und des Dazu-Gehörens verborgen, die auf eine Neugier an der Welt und auf ein Interesse an den Mitmenschen schließen lassen und damit verbunden die Suche oder einen Aufbruch zu etwas oder zu jemanden hin andeuten. Das ein solcher Aufbruch wegen seines Ausgangs aus einer höchst individuellen Gefühlswelt oftmals etwas sehr bruchstückhaftes in sich trägt, zeigt der gut gewählte deutsche Buchtitel von Alexandre Hmines Roman: Die Milchstraße besteht aus unzähligen Sternen, die jeder für sich ein Stück des Ganzen darstellen, so wie die einzelnen Abschnitte, manchmal sogar die einzelnen Sätze des Buches lauter Fragmente sind, „aus denen allmählich ein Bild entsteht, das kein Ganzes schafft, aber eine Ahnung davon gibt“, wie der Kritiker Roman Bucheli über den Roman schreibt.

Der Ich-Erzähler wird von seiner sehr jungen Mutter, die aus Marokko stammt, sofort nach der Geburt zu einer älteren Frau in Obhut gegeben. So wächst er bei seiner Pflegemutter Elvezia in der dörflichen, christlich geprägten Welt des Tessin, dem italienischsprachigen Teil der Schweiz auf. Als er als Teenager zu seiner Mutter nach Lugano zieht, die ihn in den Ferien mit nach Marokko nimmt, beginnt für ihn die innere Zerreißprobe: Trotz seiner marokkanischen Wurzeln spricht er einen Tessiner Dialekt, aber kein Arabisch, und zum muslimischen Glauben fällt ihm nur das Wort Allah ein. Zwischen Gewissheiten und Zweifeln hin und hergeworfen, findet er erst während des Studiums in der Auseinandersetzung mit den literarischen Klassikern ein Gefühl der Befreiung von dem Druck, sich einer einzigen Kultur verschreiben zu müssen, denn die Lehre der Literatur besteht in der Anerkennung der Vielfalt als Normalität.

Alexandre Hmine, geboren 1976 in Lugano, studierte in Pavia Literatur und unterrichtet heute Italienisch an einem Luganer Gymnasium. Sein Romandebüt wurde 2019 mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet.

»Bravo Alexandre Hmine, der den ganzen Bogen seines (wahrscheinlich) eigenen Lebens nacherzählt, aber so viel wie möglich erfindet und fiktionalisiert oder vielleicht nur die richtigen Fragmente in der richtigen Größe herausschneidet und mit dem nötigen Rhythmus aneinander reiht. Im Leser entfesselt das den dringenden Wunsch, an der Seite des Ich-Erzählers zu bleiben und zu sehen, was auf der nächsten Seite passiert und so auf ein glückliches Ende zu hoffen.«
[Piersandro Pallavicini, La Stampa/Tuttolibri]


Andrea Mazzoni

Alexandre Hmine