Abbas Khider

stellt seinen Roman „Palast der Miserablen“ [2020] vor.

(„Die Mittagslesung“, Samstag, 29. August 2020 / Beginn: 13.00 Uhr / Einlass: 12.30 Uhr)

Die Geschichte von Abbas Khiders neuem Romans entfaltete sich im Wechsel zwischen einer Gefängniszelle, in der der Protagonist namens Shams sitzt, und Szenen, die hauptsächlich in einem Armenviertel am Rande eines Müllbergs, dem sogenannten „Blechviertel“ in Bagdad spielen. Ein trostloser Ort ohne Strom und fließendes Wasser, wohin Shams mit seiner schiitischen Familie geflohen ist, nachdem sie ihr Dorf im Süden des Irak nach der Niederschlagung des Schiitenaufstands verlassen mussten. Es sind die 1990er Jahre im Irak, kurz vor Ausbruch des Golfkrieges. Die Bevölkerung wird von der Diktatur Saddam Husseins unterdrückt und verarmt gleichzeitig durch das von den USA verhängte totale Wirtschaftsembargo. Shams und seine Familie träumen von einer besseren Zukunft, aber die kurzen Momente der Hoffnung werden immer wieder von der grausamen Realität zunichte gemacht. Shams, der als Plastiktütenverkäufer, Lastenträger und Busfahrerhelfer arbeitet, kauft sich als Jugendlicher bei einer Trödelhändlerin sein erstes eigenes Buch mit erotischen Geschichten von Alberto Moravia. Ein Fahrgast im Bus macht ihn schließlich auf den Büchermarkt aufmerksam, eine Gasse in der Stadt, in der Verkäufer auf der Straße ihre Bücher feilbieten. Für Shams wird das Lesen und die Literatur zu einer Welt, in der er die harte Wirklichkeit – Hunger, Arbeitssuche, Krankheit – für Augenblicke ausblenden kann. Unerwartet wird er in einen Literaturzirkel aufgenommen, dem Palast der Miserablen: „Es war herrlich, die Welt draußen für ein paar Stunden einfach vergessen zu können. Die Zeit in unserer kleinen Zuflucht fühlte sich jedoch immer weniger wie ein Teil unseres Lebens an und dafür mehr und mehr so, als wären wir mit Hilfe irgendeiner Zauberformel in eine Traumwelt getreten, die nichts mit Bagdad zu tun hatte. (…) Stattdessen debattierten wir über das richtige Versmaß, schräge Metaphern oder gackerten einfach herum. Doch dann…“

Der 1973 in Bagdad geborene Abbas Khider weiß aus eigener Erfahrung, dass ein Wort in einer Diktatur das Leben kosten kann. Weil er mit Freunden Flugblätter gegen Saddam Hussein verteilt hatte, kam er für zwei Jahre ins Gefängnis. Nach seiner Entlassung, gelang ihm die Flucht und im Jahr 2000 kam er nach Deutschland, erhielt Asyl, holte das Abitur nach und studierte Literatur und Philosophie. 2007 bekam er die deutsche Staatsbürgerschaft. Heute lebt er in Berlin.

„Die vielleicht größte Stärke der Kunstform Literatur, das zeigt Abbas Khider, liegt nicht darin, Handlungsempfehlungen zu geben, sondern zu erinnern, nicht locker zu lassen, die Sprache nicht zu verlieren angesichts des Unsäglichen, sondern es auch dann zu begleiten, wenn es in absehbarer Zeit nicht verschwinden wird, und damit diejenigen zu würdigen, die ihm ausgesetzt sind.“
[Lea Schneider, Süddeutsche Zeitung]


Peter Andreas Hassiepen

Abbas Khider