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Heilquellen

Vom Ursprung der Heilquelle

Von Prof. Dr.-Ing. Gert Michel

Die Existenz des Bades Oeynhausen basiert auf einem geologischen Irrtum. Steinsalzlager wurden im Untergrund vermutet und gesucht; gefunden wurde eine kohlensäurehaltige, warme Sole. Dieser verdankt Bad Oeynhausen seinen Ruf als Heilbad, seinen Namen aber dem königlich-preußischen Berghauptmann Carl von Oeynhausen (1795-1865), dem Entdecker und ersten Erbohrer der Sole. Für den geologisch Interessierten bietet die Erdoberfläche wenig. Dunkle Lias-Tonsteine, vom Geschiebemergel der Saale -eiszeitlichen Grundmoräne verhüllt, fallen nach Norden ein, etwa im gleichen Winkel wie das nach Süden ansteigende Gelände. Aufgeschlossen sind diese Tonsteine in der Grube der ehemaligen Ziegelei Friedrichsmeyer, heute ein Biotop im Park der Magischen Wasser. In Baugruben werden ab und zu im Geschiebemergel auch Geschiebe gefunden. Solch ein Findling ist der Granit-Block vor der Bali Therme, den vor rund 200.000 Jahren das Gletschereis aus Schweden angeschleppt hat.

5.400 Meter unter der Erde

Obwohl der tiefere Untergrund dem Auge normalerweise verborgen bleibt, kennt man ihn recht gut. Seit 1830 wurde nämlich neunmal sehr tief gebohrt, um Thermalsole zu erschließen; insgesamt sind es rund 5.400 Bohrmeter. Die Tiefbohrungen, aus denen die Heilquellen fließen, tragen Namen von Männern, die sich um das Heilbad verdient gemacht haben. Zu nennen sind der Gründer des Bades, Freiherr Carl Ludwig August von Oeynhausen, der König von Preußen Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861), die Kurdirektoren und Bergleute Adolph Morsbach (1859-1922) und Albert Jordan (1865-1934), der Kurdirektor und Arzt Hans Otto Schmid (1907-1963) sowie der Naturforscher Alexander von Humboldt (1769-1859). Fünf der neun balneologisch genutzten Heilquellen sind tiefer als 600 Meter; der flach gefasste Wittekind-Brunnen II dient nur zum Heiltrinken. Der vorherrschende Wasser-Typ ist eine eisen- und kohlensäurehaltige Thermalsole (bis 36 Grad Celsius). Daneben gibt es eine stark kohlensäurehaltige neunprozentige Sole, ein Heilwasser vom seltenen Natrium-Calcium-Chlorid-Typ (Wittekind-Brunnen) und eine fluoridhaltige Natrium-Calcium-Chlorid-Sulfat-Therme (Bali Therme).

Viele Tausend Jahre auf der Reise

Bei der Vielfalt der Komponenten, welche die Heilwässer charakterisieren, interessiert vor allem die Frage nach der Herkunft der verschieden gelösten Salze und Gase und nach dem Ursprung der Temperatur. Wasser ist Transportmittel und chemisches Reagenz zugleich. Letztlich stammt das Wasser aus Niederschlägen. Es versickert im Untergrund und findet Mittel und Wege, Mineralstoffe aufzunehmen, wobei der Faktor Zeit eine wesentliche Rolle spielt. Das Wasser ist viele tausend Jahre unterwegs. Es tritt auf seinen Fließwegen auf Störungsflächen, Rissen, Klüften und Spalten mit den Mineralen der Gesteine in Kontakt. Der stoffliche Übergang vom Gestein in das Wasser ist von mehreren Faktoren abhängig, wie Temperatur und Druck, aber vor allem von der Löslichkeit. Steinsalz ist besonders gut, Gips weniger gut löslich. Aus Steinsalz wird Sole; der Gips liefert die darin gelösten Calcium- und Sulfat-Ionen. Diese kristallisieren in den Bohrlöchern und in den Leitungen zu den Bädern wieder als Gips aus und führen so zu hinderlichen Querschnitts-Verengungen der Zuleitungen, zu einer Art Arteriosklerose. Die Sole weist auch einen relativ hohen Gehalt an chamousierender Kohlensäure auf - quasi der letzte Atem des nordhessischen Vulkanismus der Tertiärzeit vor 16 Millionen Jahren.
Die Vorstellungen über den geologischen Bau der Umgebung und des tieferen Untergrundes gehen auf den preußischen Landesgeologen Adolf Mestwerdt (1880-1956) zurück, den man den "guten Geist von Lippe" nannte. Die Grafik oben zeigt den geologischen Rahmen der Mineralwasserprovinz Bad Oeynhausen-Bad Salzuflen. Die Aufwölbung des Oeynhausener Quellensattels - etwa nördlich parallel des Hauptzuges der Piesberg-Pyrmonter Achse verlaufend - ist durch streichende Verwerfungen scheibenförmig zerlegt. Dies erklärt auch den Mineralwasserreichtum der an sich kaum Grundwasser führenden Lias-Schichten, zum Beispiel im Bülow-Brunnen und in der Kurdirektor-Dr.-Schmid-Quelle.

Die Oeynhausener Quellenspalte

Markanteste Verwerfung ist die Oeynhausener Quellenspalte mit den sie begleitenden Verwerfungen, welche bis südlich Vlotho verfolgt werden kann. Auf ihr dürfte ein Teil der Sole aus der Tiefe zufließen. Der Salzgehalt der Sole kann von den Salzlagern der Zechstein-Formation abgeleitet werden. Die ist zwar im Untergrund von Bad Oeynhausen noch nie erbohrt worden, aber aus benachbarten Erdöl-Untersuchungsbohrungen bekannt. Es ist andererseits auch nicht auszuschließen, dass die Solezufuhr analog wie in Bad Salzuflen an Querstörungen gebunden ist, die der Süd-Nord-Richtung folgen. Die Grafik rechts zeigt in einem vereinfachten Nord-Süd-Schnitt die Aufsplittung der Oeynhausener Quellenspalte. Unter den dunklen Tonsteinen des Lias lagern die flach aufgewölbten Schichten der Trias, bestehend aus Ton-, Kalk- und Sandsteinen von Keuper, Muschelkalk und Buntsandstein. Diese enthalten lagenweise auch Gips.

Das Rätsel ist noch nicht gelöst

Die am schwächsten konzentrierte Sole (2,5 Prozent) trifft man ab etwa 700 Metern auf Klüften des Buntsandsteins (Jordan- und von-Humboldt-Sprudel). Eine Sole mittlerer Konzentration findet sich zwischen 600 und 700 Meter Tiefe in Muschelkalk- Schichten (Oeynhausen-, Kaiser-Wilhelm- und Morsbach-Sprudel). Die stärkste Sole von etwa acht Prozent (80 Gramm pro Kilogramm gelöste feste Mineralstoffe) ist kalt und tritt im Sielpark neben der Werre bis fast an die Erdoberfläche. Eigentlich sollte es anders, und zwar umgekehrt sein: Die Sole mit der höchsten Konzentration sollte unten, die mit der schwächsten Konzentration darüber vorkommen. Das Rätsel ist noch nicht gelöst. Also zu Recht eine Aqua Magica, faszinierend und heilend zugleich.