Margriet de Moor
Bücher u.a.: Der Jongleur, 2008; Der Maler und das Mädchen, 2011
Nur wo groß vom Menschen in dem Sinne gedacht wird, dass er seine Achtung behält, bleibt auch seine Würde unangetastet. Dies ist in der Kunst häufiger als in der Realität vorzufinden und vielleicht ein Grund für die niederländische Schriftstellerin Margriet de Moor, in ihren Romanen oftmals Kunst und Leben ihrer Figuren miteinander zu verweben. Die Autorin selbst sagt dazu: „Ich glaube, dass Kunst nicht nur schmückendes Beiwerk ist, das neben dem Leben besteht. Es ist ein überaus kräftiger Impuls, dessen wir uns nicht immer bewusst sind.“ Dieser Schluss lässt sich auch aus ihrem jüngsten Roman ziehen, in dem sie sich zwei historische Figuren – ein achtzehnjähriges Mädchen und ein alter Maler –an einem einzigen Tag im Amsterdam des 17. Jahrhunderts begegnen lässt: Der Maler sitzt unter dem Galgen und fertigt eine Zeichnung des soeben hingerichteten Mädchens an. Durch diese Tat erhält der würdelos ausgestellte Leichnam die Würde eines möglichen Lebens zurück, das nicht mehr gelebt werden kann. Die Einfühlsamkeit, mir der Margriet de Moor nicht nur diese, aber besonders diese Szene erzählt, erinnert an Schillers Schrift Über Anmut und Würde. Der Ausdruck der Menschheit, der menschlichen Schönheit, auch im Tod, wird hier vom Maler in der Kunst festgehalten. Darin drückt sich der Widerstand des Kunstwerks, des Schönen, gegen die Vergänglichkeit aus. Dieser Widerstand ergibt sich aus der Natürlichkeit des Handwerks, aus dem das Kunstwerk erst entsteht: Natürlichkeit schafft Schönheit und strahlt dadurch Würde aus. Der Tod ist natürlich und in der Kunst kann er sogar schön sein.
Margriet de Moor wird 1941 in Noordwijk geboren. Mit siebzehn Jahren beginnt sie am Königlichen Konservatorium in Den Haag ein Klavier- und Gesangstudium und tritt ab 1968 regelmäßig als Sängerin eines Avantgarde-Repertoires auf. Ende der siebziger Jahre studiert sie an der Universität Amsterdam Kunstgeschichte und Archäologie. Mit 45 Jahren beginnt sie mit dem Schreiben. Rückenansicht, ihr erstes Buch, erscheint 1988. Ihr erster Roman Erst grau, dann weiß, dann blau wird 1991 ein sensationeller Erfolg und mit dem angesehenen AKO-Literaturpreis ausgezeichnet. 2003 stellt Margriet de Moor ihren fünften Roman, Kreutzersonate, und 2007 mit Sturmflut ihren sechsten Roman einem begeisterten Publikum bei den Poetischen Quellen vor. Margriet de Moor lebt und arbeitet in Amsterdam. Ihre Romane und Erzählungen sind in alle Weltsprachen übersetzt worden.
Das Buch ist ein Glücksfall. Es ist Zeitbild, Künstlerepos, Sozialstudie, ein einfühlsames Psychogramm und eine erregende Reise in die Vergangenheit. Es ist etwas für den Kopf und für das Herz – beides zusammen, das gelingt selten. Tatsächlich scheint es dieser Autorin am ehesten zu gelingen. [Karin Grossmann, Sächsische Zeitung]
Nietzsches Einsicht, dass wir die Kunst haben, um an der Wahrheit nicht zugrunde zu gehen, dreht Margriet de Moor ein Stück weiter. Wenn etwas dem Leben Sinn geben kann, dann nur die Kunst. [Martin Lüdke, Frankfurter Rundschau]
Roger Willemsen
Bücher u.a.: Der Knacks, 2008; Die Enden der Welt, 2010
„Ich bin ein Anhänger der freien Meinungsäußerung und auch der Freiheit der Lebensführung“, sagt Roger Willemsen in einem Gespräch mit Brigitte von Boch. „Ich kann mich nicht für die Raffinessen in einem Roman interessieren und die Augen vor der wirklichen Welt verschließen“, so Willemsen weiter. In dieser Aussage ist auch der Anspruch enthalten, den der Herausgeber, Übersetzer, Moderator, Dozent, Regisseur, Produzent, Essayist und vor allem Schriftsteller Willemsen mit Literatur verbindet: „Sie verpflichtet geradezu zum Widerspruch gegen Verhältnisse, die diese Freiheit [der Selbstbestimmung der Leser sowie der Menschen allgemein; Anm. d. Red.] einschränken“, so Willemsen in seiner Weimarer Schillerrede vor sechs Jahren.
Roger Willemsen wird 1955 in Bonn geboren. Nach dem Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie, promoviert er 1984. Sein Habilitationsvorhaben über den „Selbstmord in der Literatur“ gibt er auf, um fortan als freier Autor tätig sein zu können. Große Bekanntheit erlangt Willemsen zwischen 1994 und 1998 als Moderator der wöchentlichen Gesprächssendung „Willemsens Woche“. Er erhält den Bayerischen Fernsehpreis und den Adolf-Grimme-Preis in Gold. Seit 2002, nach seinem Rückzug aus dem Fernsehen, widmet sich Willemsen, vor allem eigenen literarischen Arbeiten. Bücher von ihm werden in viele Sprachen übersetzt. Neben einem dauerhaften Engagement als amnesty-Botschafter sowie für „terres de femmes“ ist er seit 2005 Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins e.V., für den er sich aktiv vor allem für den bau von Brunnen und Schulen einsetzt. Vehement spricht er sich seit Jahren auch für die Aufgabe des menschenunwürdigen Gefängnisses in Guantanamo aus, denn genau dort, so Willemsen, „findet die Kollision zwischen dem Freiheitsverständnis der Politik und dem einer Kultur des Humanen auf dem Feld der Menschenrechte statt.“
Neben oder trotz diesen vielfältigen Aktivitäten ist Willemsen ein großer Reisender. Nicht zuletzt deshalb bezeichnet er sein jüngstes Buch Die Enden der Welt als eines wenn nicht sogar das wichtigste Buch von ihm. Reisen ist für Willemsen eine Erfahrung des Selbst, weil das Ankommen in der Fremde eine Erfahrung von Freiheit in sich birgt, die sich nur beim Reisen einstellt. Es ist das Gefühl des Angekommenseins bei und in sich selbst: Ein Glückgefühl von Freiheit.
Manchmal scheint es, als sei sein ganzes Buch eine Liebeserklärung an die Welt, eine Umarmung der Menschheit, irgendwo zwischen wilder Selbstvergewisserung und lebensweiser Erkenntnis der eigenen Vergänglichkeit.
[Otto Paul Burkhardt, Südwest Presse]
Arnold Stadler
Buch u.a.: Salvatore, 2008
„Dass ein Mensch leben muss und leben können will mit dem, was er ist und wie er nicht anders sein kann, das lese ich bei Stadler. Und dass er dabei dennoch immer die Sünde in sich spürt und die Sünde keine Lüge ist, sondern die Wahrheit, das lese ich ebenfalls bei Stadler“, sagt Andreas Maier. Und eben diese „verzweifelte Vitalität“ ist es, die, wenn auch mit unterschiedlichen Stilen, eine Parallele zwischen Stadler und Pasolini hervorruft. Es ist der ständige Kampf gegen das Ausweglose, dem Stadler in seinem Schreiben mit Sehnsucht begegnet, und sei es nur mit der Sehnsucht nach Hoffnung.
Bereit zum sechsten Mal ist Arnold Stadler in diesem Jahr zu Gast bei den „Poetischen Quellen”, so dass diejenigen Gäste, die alle Veranstaltungen mit ihm erlebt haben, fast schon eine „Werkschau“ dieses Autors miterleben konnten – und weiterhin erleben können. Es ist ein Werk, das geprägt ist von den unwiderruflichen Zutaten des Lebens: der Liebe, der Sehnsucht und dem Tod. „Überhaupt darf bei Stadler auch der Tod im Leben schon dazugehören. So altertümlich ist dieser Autor. Er ist so altertümlich, dass er sogar noch, und zwar sein ganzes Werk hindurch, Zeugnis abgibt, von sich und der Welt. Arnold Stadler hat ein Werk, und er hat ein Leben. Das kann man nicht über viele sagen“, schreibt der Autor Andreas Maier über Stadler
Arnold Stadler, 1954 im südbadischen Meßkirch geboren, wächst im benachbarten Dorf Rast auf, wo er, neben Berlin und Sallahn, heute noch lebt. Nach dem anfänglichen Studium der katholischen Theologie in München und Rom, promoviert er schließlich in Freiburg und Köln in Germanistik. 1999 erhielt er den Georg-Büchner-Preis, den bedeutendsten Literaturpreis Deutschlands. Sein Werk besteht immer wieder aus Verweisen (z.B. auf Pasolini) und Selbstzitaten. Die Sehnsüchte, die sich darin in einer unverwechselbaren Tonart spiegeln, stammen aus dem Innersten ihres Autors. Arnold Stadler ist das sechste Mal zu Gast bei den „Poetischen Quellen“. Mit Salvatore ist Stadler „eines der einfühlsamsten Pasolini-Porträts [gelungen], die je geschrieben wurden“, schreibt die Basler Zeitung. Sein neuer Roman heißt New York machen wir das nächste Mal und erscheint im Oktober.
Die Amseln, sagt Stadler, sangen, als blühten sie. Stadlers Sprache ist auch so ein stetes Blühen, und nun hat er das Evangelium nach Matthäus in sein Blühen hineingenommen. Stadlers Buch blüht wie der Film von Pasolini. Und wie das Evangelium selbst, von dem Stadler ja vielleicht sein eigenes Blühen hat. [Andreas Maier, Die Zeit]
Annette Kopetzki
Die Übersetzerin Annette Kopetzki, 1954 in Hamburg geboren, studiert Germanistik, Philosophie und Pädagogik. Nach Aufenthalten in Italien und staatlichen wie privaten Übersetzungsaufträgen, promoviert sie 1995 mit einer Arbeit zu sprachtheoretischen und ästhetischen Problemen der literarischen Übersetzung. Seit 1998 ist sie als freiberufliche Übersetzerin tätig. Ausgezeichnet mit dem Förderpreis für literarische Übersetzung der Hamburger Kulturbehörde, ist Kopetzki Ständiges Mitglied der Jury des Erlanger Literaturpreises für Poesie als Übersetzung. Von Pier Paolo Pasolini übersetzte Sie aus dem Italienischen die Bände Geschichten aus der Stadt Gottes und Literatur und Leidenschaft. Außerdem hat sie mitgearbeitet an der Übersetzung von Pasolini-Texten der folgenden Bücher: Schreibheft, Zeitschrift für Literatur Nr. 73 „Pier Paolo Pasolini, Pasolini – Die lange Strasse aus Sand, Pasolini – Rom, andere Stadt und Pasolini – Reisen in 1001 Nacht.
Darüber hinaus übersetzte sie weitere Bücher italienischer Autoren, u.a. von Erri De Luca, Alessandro Baricco und Laura Pariani.
Hans Ulrich Reck
Buch: Pier Paolo Pasolini, 2010
Hans Ulrich Reck, geboren 1953 in Schönenwerd in der Schweiz, gehört zu den immer seltener anzutreffenden Autoren, die man als im klassischen Sinne gebildet zu bezeichnen hat. Reck studiert zunächst Philosophie, Kunstgeschichte und neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Tübingen (u.a. bei Ernst Bloch, Walter Schulz, Hans Mayer und Walter Jens) und schließlich Kommunikationsdesign an der Bergischen Universität Wuppertal bei Bazon Brock. Dort wird er 1989 in Philosophie mit einer Arbeit über Ästhetiken in aktuellen Kulturtheorien promoviert. Der Philosoph, Kunstwissenschaftler und Publizist hat an etlichen Ausstellungen mitgearbeitet und viele Symposien organisiert, veranstaltet und moderiert, einige davon mit dezidiert internationalem und forschungsinnovativem Zuschnitt. Er hält weltweit Vorträge und führt Workshops im In- und Ausland durch. Seit 1995 hat Reck eine Professur für Kunstgeschichte im medialen Kontext an der Kunsthochschule für Medien in Köln inne.
Das Buch ist mit großer Leidenschaft für den Künstler Pasolini geschrieben. (…) Pasolini nahm häufig den Blickwinkel von Ausgegrenzten ein, unterlief damit den Konsens und klagte das Recht auf ein individuelles, ungeordnetes, vielleicht auch wahrhaftigeres Sprechen und Erzählen ein. Hans Ulrich Recks Buch bietet etliche Anregungen und schärft den Blick für Pasolinis filmische Kompositionen. [Maika Albath, Deutschlandradio Kultur]
Johannes-Paul Kindler
Johannes-Paul Kindler wird 1961 in Bad Oeynhausen geboren, wo er aufwächst und zur Schule geht. Den Wunsch, Schauspieler zu werden, führt er auch zurück auf das Erlebnis von Claus Peymanns Inszenierung von „Richard III“ mit Gerd Voss in der Hauptrolle. Nach dem Schauspielstudium an der Berliner Fritz-Kirchhoff-Schule führen ihn verschiedene Engagements u.a. nach Düsseldorf, Essen, Recklinghausen sowie an das Theater der Landeshauptstadt Magdeburg. Seit der Spielzeit 2002/2003 ist er bei den Städtischen Bühnen Münster verpflichtet, wo er in den vergangenen Jahren mehrfach den Publikumspreis für besondere schauspielerische Leistungen erhielt. Einen seiner größten Erfolge feiert Kindler hier in seiner Traumrolle als „Richard III“. Neben der Arbeit als Schauspieler ist er häufig als Sprecher und Textleser u.a. für die Sendung „Zeitzeichen“ beim WDR 5 zu hören.
Im vergangenen Jahr begeisterte er das Publikum der „Poetischen Quellen“ mit einer beeindruckenden Lesung aus dem Roman Waltenberg des französischen Autors Hedí Kaddour.
Johannes-Paul Kindler (…) las ausgewählte Passagen des Romans mit einer stilistischen Brillanz. [Hans-Werner Dielitzsch, Neue Umschau]
Pier Paolo Pasolini
„Innerlich entspricht keine meiner Arbeiten mehr dem, was ich bin, als diese. Auf den Grund bin ich bereits zu sprechen gekommen: auf meine Neigung, in allem, auch in den stumpfsinnigsten, einfachsten und banalsten Dingen und Ereignissen etwas Heiliges, Mythisches und Episches zu sehen“, sagt Pasolini 1968 in einem Gespräch mit Jon Halliday. Die Direktheit und Bestimmtheit in der Äußerung von Meinungen, die er immer wohl begründen konnte, haben auch heutzutage nichts von ihrer Intensität und Dringlichkeit verloren und sind, neben einem turbulenten Leben mit dafür verantwortlich, dass die Aktualität Pasolinis weiter zu Recht besteht.
Geboren 1922 in Bologna studiert Pasolini später dort auch Kunstgeschichte und Literatur. Ikonographische Elemente, die bildliche Anordnung nach den Meistern der Renaissancemalerei, sind dann in den 60er Jahren besonders für seine filmische Arbeit von großer Bedeutung. Nachdem er aufgrund seiner Homosexualität „wegen obszöner Handlungen“ aus der Kommunistischen Partei entlassen wird, siedelt er 1950 mit seiner Mutter aus dem friaulischen Heimatort Casarsa nach Rom über. Pasolini ist ein Arbeitstier: Er schreibt Gedichte, Erzählungen, Romane, Essays, arbeitet als Journalist, Kritiker, Dramatiker und Regisseur. Er erhält Literaturpreise und wird schnell zu einem international angesehenen Filmregisseur. Als das kritische Gewissen Italiens ist er der Meinung, dass Konsumismus und Massenkultur die eigentlichen Feinde der Demokratie sind. Am 2. November 1975 findet man seine verstümmelte Leiche auf einem Feld in der Nähe von Ostia. Seine Ermordung ist bis heute nicht aufgeklärt.
Seine Fähigkeit und der Wille, die Würde im Anderssein zu achten, das Anderssein zu denken, es darzustellen und darin eine Qualität zu erkennen, macht nicht nur Pasolinis literarische Arbeiten bis heute lesenswert, sondern auch seine filmische Arbeiten sehenswert. Seinem Film Das 1. Evangelium – Matthäus, gewidmet Papst Johannes XXIII., kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Nach zweijähriger Vorarbeit, kommt der Film 1964 auf die Leinwand. Bei den Filmfestspielen in Venedig erhält der Film endlosen Applaus und bekommt den Spezialpreis der Jury zugesprochen.
Obwohl meine Weltsicht religiös ist, glaube ich nicht an die Göttlichkeit Christi. Das Evangelium lässt keinerlei Zweifel: Den Inhalt des Textes betreffend zielt die Botschaft darauf ab, in die Erzählung eine göttliche Transzendenz einzuführen … Was mich angeht, tut es mir leid, aber ich glaube nicht daran. Äußerlich bietet mein Film den Katholiken, die noch imstande sind, sich für das Leben Christi zu interessieren, Stoff für Erinnerungen. Aus der Nähe betrachtet ist meine Rekonstruktion allerdings in überhaupt keiner Weise konform mit dem traditionellen Bild, das der größte Teil der Christen mit sich herumträgt. Ich habe einen Film gemacht, in dem sich über eine Filmfigur all meine Sehnsucht nach Mythischem, Epischem und Heiligem ausdrückt. [Pier Paolo Pasolini, Der Traum des Centaur. Dialoge 1969 – 1975]
Navid Kermani
stellt seinen neuen Roman Dein Name (Hanser: München, Ende August 2011) vor.
Deutschlandweite Buchpremiere!
Sein Verlag verspricht, dass Navid Kermanis neuer Roman „für jeden Leser das Bild der Gegenwart nachhaltig verändern“ werde und spricht in diesem Zusammenhang sogar von der „Neuerfindung des Romans“. Um diese Behauptung aufrecht zu erhalten, wird sich der Roman an einer Äußerung Kermanis messen lassen müssen, mit der der Autor in einer Laudatio auf Martin Mosebach die gegenwärtigen Veröffentlichungen, die sich Roman nennen, kritisch hinterfragt: „Sobald ein Text hundert Seiten lang ist (…) erhält er das Etikett Roman. Daß die meisten Romane gar keine sind, daß sie außer in der Länge keinem der Kriterien entsprechen, die klassischerweise den Roman kennzeichnen, also nicht auf einen breiten Weltentwurf angelegt sind und eine geschichtliche Erfahrung in ihrer gesellschaftlichen Gesamtheit aufnehmen, die Vielschichtigkeit der Motive und Personen, die Heterogenität der Ausdrucksweisen und Sprachebenen – egal.“ Auf jeden Fall ist Dein Name ein Roman auch über das Romanschreiben: „Das die Literatur ihm erlaubte zu sagen, was er von sich nie sagen würde, gehörte zu seinen Privilegien“, lässt der Autor Kermani an einer Stelle im Roman den Erzähler Kermani denken. Und so erzählt er denn über sein Leben und das Leben überhaupt: die Gegenwart und die Vergangenheit seiner Familie, die Erinnerungen an gestorbene Freunde und die mitreißende Lektüre Jean Pauls und Hölderlins. Die Geschichte seines Großvaters, der von Nahost nach Deutschland ging, wird zum Herzstück des Romans.
Als vierter Sohn iransicher Eltern 1967 in Siegen geboren, ist Kermani deutscher und iranischer Staatsbürger. Der Islamwissenschaftler und Orientalist, der in Köln, Kairo und Bonn studiert hat, ist auch als Essayist und Schriftsteller stets bemüht, die unterschiedlichen Kulturen auf gleicher Augenhöhe zu betrachten. Kermani ist u.a. Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Nach zahlreichen Auszeichnungen hat er zuletzt während der Woche der Brüderlichkeit in Minden die Buber-Rosenzweig-Medaille verliehen bekommen.
Erst vor kurzem wurde bekannt, dass Navid Kermani mit dem Hannah-Arendt-Preis 2011 ausgezeichnet wird. Kermani erhalte den Preis für seine „lagerüberwindenden religionswissenschaftlichen und politischen Analysen“, so die Jury in ihrer Begründung. „So wie Denis Diderot und Hannah Arendt die Juden als Bindeglied zwischen den europäischen Nationen sahen, sieht Navid Kermani heute auch die muslimischen Einwanderer als Mittler zwischen den Staaten Europas“, ergänzt Jurymitglied Marie Luise Knott. Und weiter: „Kermani spricht nie von 'den Arabern' oder 'den Muslimen' oder 'den Christen'. Als Schriftsteller gibt er dem Einzelnen Raum und formuliert neben der Kritik immer auch die Schönheit der Welt“. Neben seinem schriftstellerischen Engagement für den interreligiösen Dialog würdigt die Jury auch Kermanis journalistische Arbeit.
Die Werte der Französischen Revolution werden heute auf dem Tahrir-Platz in Kairo verhandelt, und im Elyseepalast in Paris sitzt ein „Ancien Regime“. Mit anderen Worten: Die Ägypter sind im Namen von Werten auf die Straße gegangen, die offenkundig die „unsrigen“ sind – Freiheit, Würde, Rechtsstaatlichkeit, Chancengleichheit. Zugleich muss man sagen: für Ideale, die uns verloren gegangen sind, für die wir kaum noch eintreten, schon gar nicht in der Welt. [Navid Kermani in der Frankfurter Rundschau]
Michela Murgia
stellt ihren Roman Accabadora vor.
Das Wort Accabadora ist Gegenstand einiger Legenden aus Sardinien. Gemeint ist damit eine Frau, die in Agonie befindlichen Sterbenden zum Tode verhilft und oftmals zusätzlich die Funktion einer Hebamme innehat. Unter Anthropologen gilt diese Figur als umstritten. Um eine solche Accabadora herum erzählt Michela Murgia in ihrem ersten Roman eine anmutige Geschichte über die Kindheit und das Alter, die sie in den fünfziger Jahren in dem sardischen Dorf Soreni ansiedelt. Die eigentliche Heldin des Buches ist Maria, die von ihrer leiblichen Mutter aus wirtschaftlicher Not einer anderen Frau, der Schneiderin Bonaria Urrai, überlassen wird. Diese besondere Form der Adoption, die auf Sardinien tatsächlich bis in die achtziger Jahre hinein ohne behördliche Formalitäten üblich war, macht aus Maria eine so genannte „fill`e anima“ (wörtlich: „Kind der Seele“). Maria lernt Lesen und Schreiben. Ihr Schicksal ist es, mit dieser Bildung schließlich zwischen den archaisch tradierten Sitten der Dorfgemeinschaft und dem wirtschaftlichen Aufbruch Italiens in die Moderne konfrontiert zu werden.
Michela Murgia, 1972 in Cabras auf Sardinien geboren, hat Theologie studiert und Religion unterrichtet. Über ihren Job in einem Call Center hat sie ein Tagebuch veröffentlicht, durch dessen erfolgreiche Verfilmung sie in Italien Bekanntheit erlangt. 2010 erhält sie den renommierten Premio Campiello für ihren Roman Accabadora. Alberto Asor Rosa, die große Persönlichkeit der italienischen Literaturkritik, stellt Murgia auf eine Stufe mit Roberto Saviano und anderen jungen Autoren, die allesamt die Forderung nach einer „Verlagerung vom Zentrum in die Peripherie“ verbindet. Inzwischen arbeitet Michela Murgia als freie Schriftstellerin. Nach mehreren Jahren in Mailand ist sie zurück nach Sardinien gezogen und würde die Bezeichnung Peripherie für ihr Sardinien wohl von sich weisen.
Murgias knapper Stil, die diskrete Art, in der sie von etwas schreibt, das hierzulande wohl „aktive Sterbehilfe“ hieße, die unerbittliche Weise, Grenzen zu ziehen, das was man tut, klar von dem zu trennen, was man nicht tut – ganz ohne Justiz, aber im Bewusstsein von dem, was die Tradition erlaubt und was nicht, und welchen Sinn und welche Würde diese Tradition hat, all das macht ihr Buch zu einem Meisterwerk.
[Roland H. Wiegenstein, Die Berliner Literaturkritik]
Julika Brandestini
Julika Brandestini, 1980 in Berlin geboren, studiert Kulturwissenschaften mit den Schwerpunkten Romanistik und Linguistik. Der Titel Ihrer Diplomarbeit lautet Das Problem der Übersetzung von Dialektpassagen, was sie möglicherweise auf die Übersetzung des Romans Accabadora vorbereitet, in dem viele sardische Dialektpassagen vorkommen und für die sie 2010 den Nachwuchsförderpreis für Deutsch-Italienische Übersetzungen erhält. Seit 2008 arbeitet sie freiberuflich als Übersetzerin und Lektorin.
Energie und Farbigkeit dieses berührenden Romans, (…), lässt Julika Brandestini in ihrer deutschen Übersetzung auferstehen.
[Anja Hirsch, WDR 3/Passagen]
Catalin Dorian Florescu
stellt seinen neuen Roman Jacob beschließt zu lieben vor.
„Ich sehe mich wirklich als europäischer Schriftsteller“, sagt Catalin Dorian Florescu in einem Gespräch vor zwei Jahren. „In keinem meiner Romane kommt nur Rumänien vor. Es kommt die Schweiz vor, Amerika, Italien (…), im neuen Roman Elsass-Lothringen. Also ich wandere so zwischen den Welten, man kann mich nicht fassen, (…). Das ist aus meiner Biografie gegeben, ich bin geografisch nicht wirklich geortet, (…). Als Schriftsteller habe ich keine nationale Zugehörigkeit.“
1967 wird Florescu im rumänischen Timisoara geboren. Als neunjähriger reiste er wegen einer Muskelkrankheit zum ersten Mal mit seinem Vater nach Italien und Amerika, kehrt aber nach Rumänien zurück. 1982 flüchtet die Familie endgültig aus Rumänien. Seitdem wohnt Florescu in der Schweiz, in Zürich, wo er an der Universität Psychologie und Psychopathologie studiert. Im Anschluss daran arbeitet er bis 2001 als Psychotherapeut in einem Rehabilitationszentrum. Mit einer kurzen Unterbrechung – von 2007 bis 2008 ist er als Suchtberater tätig – lebt er seit Dezember 2001 als freier Schriftsteller in Zürich.
Vor dem Hintergrund dieser Biografie sagt er über sich: „Ich bin Rumäne und Schweizer, Ost- und Westeuropäer, modern und altmodisch.“ Ein Indiz für diese Behauptung ist vielleicht die Tatsache, dass er fast ausschließlich in Kaffeehäusern schreibt, in guter aber bedauerlicherweise fast überkommener mitteleuropäischer Tradition. Und wie er schreibt: Neben Erzählungen und Essays ist Jacob beschließt zu lieben Florescus inzwischen fünfter Roman. Die Kritik ist begeistert von diesem erzählerischen „Naturtalent“. Wenn Florescu schreibt, „dann blühen die Seiten“, ruft der Wiener Standard potentiellen Leserinnen und Lesern zu. Die Figuren in seinen Geschichten und Romanen sind Marionetten des Lebens die am langen Faden der Geschichte hängen. Aber es sind keine seelenlosen Holzfiguren, sondern Suchende und vor allem Hoffende, die mit ihrer Hoffnung auch scheinbare Aussichtslosigkeiten überwinden.
Nach dem Thema seiner Bücher gefragt, antwortet Florescu: „Die Suche nach dem Glück. Der Versuch, in Würde durchs Leben zu gehen. Meine Figuren sind suchende Figuren, so wie ich es auch geblieben bin, …“
Kaum einer erzählt mit so viel Kraft, Sinnlichkeit, Wärme, mit einem so großen, Jahrhunderte umfassenden Atem, so ruhig und furchtlos, vor Brutalität und Grausamkeit so wenig zurückschreckend wie vor leiser Zärtlichkeit und Wehmut. Was für ein Erzähler!
[Elke Heidenreich, Frankfurter Allgemeine Zeitung]
Mit diesem Buch, (…), liegt ein wahres Epos vor …
[Beatrice Eichmann-Leutenegger, Neue Zürcher Zeitung]
Reinhard Kaiser-Mühlecker
stellt sein Buch Wiedersehen in Fiumicino vor.
Reinhard Kaiser-Mühlecker wird 1982 in Kirchdorf an der Krems geboren und wächst im oberösterreichischen Eberstalzell auf. Nach seinem Zivildienst in Bolivien studierte er in Wien Landwirtschaft, Geschichte und Internationale Entwicklung. Schon vor Veröffentlichung seines Debütromans Der lange Gang über die Stationen wird er dafür 2008 mit dem Jürgen-Ponto-Preis ausgezeichnet und erhält das Hermann-Lenz-Stipendium. Sein zweiter Roman Magdalenaberg, für den er den Buch.Preis der Arbeiterkammer Oberösterreich und des Brucknerhauses Linz erhält, erscheint 2009.
Ich bin ganz und gar kein Antimodernist, aber ich bin vielen Entwicklungen der jetzigen Zeit gegenüber sehr skeptisch. Ob das in der Landwirtschaft ist oder in anderen Unternehmungen, in denen der Mensch nichts mehr zählt, und nicht nur der Mensch, sondern auch die Natur nichts mehr zählt. Das gefällt mir nicht.
[Reinhard Kaiser-Mühlecker im ORF/OE 1]
Es ist ziemlich egal, wovon der noch junge Autor erzählt, sein Blick und seine Sprache wecken das Interesse jedes halbwegs sensiblen Lesers. (…) Wenige Autoren besitzen heute diese Freiheit, aus der das Neue entsteht.
[Leopold Federmair, Neue Zürcher Zeitung]
Mit Reinhard Kaiser-Mühlecker gibt es eine noch nicht gehörte literarische Stimme. Sie sagt mir, dass das Lesen und das Leben ein Glück sein können.
[Arnold Stadler über Reinhard Kaiser-Mühleckers ersten Roman Der lange Gang über die Stationen]
Jörg Hannemann
stellt seinen Debütroman Abstand vor.
Jörg Hannemann über Jörg Hannemann:
„Jörg Hannemann wird im Herbst 1942 als drittes Kind der jüngsten Tochter eines Friseurs und Baders in Hoya an der Weser geboren. Der Vater fällt im Krieg. Des Gymnasiums wird er wegen seiner unerschütterlichen Teilnahmslosigkeit, die ihn, wie behauptet wurde, einer fernöstlichen Pagode gleichen lässt, verwiesen, allerdings gesteht im das Direktorium die >Mittlere Reife< zu.
Ein zaghafter wie fremdbestimmter Schritt, einen bürgerlichen Beruf zu ergreifen, führt demnächst in Depression (den Arbeitnehmer ebenso wie den Arbeitgeber), sodann in das vorhersehbare, weil vorbestimmte Scheitern.
Obwohl als völlig unbegabt bezeichnet, entschließt er sich danach zu einem Dasein als Kunstmaler, dem er eine Basis durch Studien an verschiednen Kunstschulen zu geben versucht. Einen Abschluss hat er niemals erreicht. Lediglich die Kunsthalle Bremen kauft eines seiner Werke an, das aber bereits nach 18 Jahren, in denen es in einer Vitrine im Eingangsbereich der Kunsthalle, neben der Garderobe, zur Schau gestellt wurde, in die Asservatenkammer geschafft wird.
Es folgen viele Jahre, in denen er sich notgedrungen in Tätigkeiten, die keinen Bildungsstand erfordern, weiterbildet und damit auch seinen Broterwerb sichert. Durch ein Missverständnis gerät er um 1980 in den Musikbetrieb, versteht sich bald als Kulturmanager, und ist seitdem der alleinige Inhaber und einzige Mitarbeiter einer Konzertagentur.
Erste erwähnenswerte Lektüre: 1957, Kierkegaard: Furcht und Zittern. Die Krankheit zum Tode. Danach wahllos und zumeist folgenlos Literatur und Philosophie jeglicher Farbe. Aber auch verschiedene Leseerlebnisse persönlichkeitsverändernder Art, z.B. Arno Schmidt. Nach 20 Jahren exzessivsten Lesens folgt das Eingeständnis, nichts wirklich verstanden zu haben, und zwangsläufig die Beendigung dieser zeitfordernden Tätigkeit. Danach nur noch die montägliche Lektüre des Spiegel und einer wöchentlich erscheinenden Fernsehprogrammzeitschrift.
Ab 1995 erneute Versuche, mit dem Lesen von Büchern sich selbst zu finden, geringste Resultate.“
Zur gleichen Zeit etwa schreibt er, bald einem fatalen Zwang unterlegen, sein erstes Buch: Weserlust. Es folgen bis 2010: 33 kurze Erzählungen (Schlimme Geschichten), 2 Gedichte und 6 Romane (Sellingstroh, Innenleben, Die Wärme des Körpers der Frau Pietsch, Der Konzertagent, Abstand und Bessere Zeiten. In Arbeit: Das Paket)“
Man denkt ja, man kann sich über verschiedene Wege glücklich machen. Und dieser Meinung bin ich überhaupt nicht: Glück ist eigentlich eine Gnade, das erfährt man oder nicht. Man kann es niemals herstellen. Nicht durch ein neues Auto, neues Haus, neue Frau. Es ist unmöglich.“ [Jörg Hannemann in einem Gespräch auf NDR Kultur]
Sein Tonfall: Lakonisch ohne je lieblos zu sein. Statt „die Sonne schien“ schreibt er „Es regnete nicht“. Dieser schönste Satz des Buches verrät viel über seine Einstellung: Das große Wort Glück bedeutet ihm nur, dass das Unglück ausgeblieben ist.
[Eva-Maria Lemke, NDR Kultur/Kulturelles Wort]
Wenn es schon keine Menschen fürs Leben gibt, dann gibt es doch Sätze. Aus solchen Sätzen macht Jörg Hannemann ein Buch, und nicht irgendeines.
[Arnold Stadler über Abstand von Jörg Hannemann]
Julia Westlake
Moderatorin des Festabends zum 10. Internationalen Literaturfest „Poetische Quellen“
Die Fernsehmoderatorin Julia Westlake wird 1971 in Bad Segeberg als Tochter des britischen Komponisten und Textdichters Clive Westlake geboren. Vielleicht rührt von letzterem ihre Nähe zur Literatur. Nach dem Abitur an der Fritz-Reuter-Schule in Bad Bevensen studiert sie Germanistik und Politikwissenschaften an der Universität Hannover. Seit 1992 ist sie für Funk und Fernsehen tätig. Beim Rundfunk arbeitet sie als Moderatorin bei NDR1 Niedersachsen für Magazinsendugen, Live-Reportagen und Liveshows, zudem bis Ende 2006 als Moderatorin des NDR1 Niedersachsen-Morgenteams. Seit 2002 übernimmt sie auch Moderationen beim Nordwestradio in Bremen, unter anderem für die Info- und Kulturwelle Radio Bremen/NDR.
In dieser Zeit moderiert sie bereits seit 1997 im Fernsehen an der Seite von Carlo von Tiedemann den beliebten und erfolgreichen NDR-Klassiker Die aktuelle Schaubude. Ab 2002 führt sie dann bis 2007 gemeinsam mit Jörg Pilawa durch die legendäre NDR Talkshow. 2005 verwirklicht sie als Autorin und Moderatorin den Nordabend – very british aus London und Hamburg für den NDR. Zusammen mit ihrem Kollegen Yared Dibaba ist sie für die NDR-Serie De Welt op Platt zwischen 2006 und 2009 weltweit unterwegs, um „Plattschnacker“ auf allen Kontinenten vorzustellen.
Nach dem Wechsel von Caren Miosga zu den Tagesthemen moderiert Julia Westlake seit Mitte 2007 einmal wöchentlich das NDR-Magazin Kulturjournal.
Seit Mai diesen Jahres moderiert sie in der Nachfolge von Paul Kersten auch das Bücherjournal im NDR-Fernsehen, in dem sie künftig sechs Mal im Jahr über wichtige literarische Neuerscheinungen berichten wird.
Julia Westlake wohnt mit ihrer Familie im Hamburger Stadtteil Eppendorf.
Bis Ende letzten Jahres wurde das "Bücherjournal", das seit 1972 im NDR zu sehen ist, von Paul Kersten moderiert. Die Eppendorferin Westlake, die einen gemeinsamen Sohn mit dem neuen "Sportschau"-Moderator Alexander Bommes hat, wird dem 40-jährigen Format sicherlich guttun. Westlake hat Literaturwissenschaften studiert und sich schon lange eine Literatursendung gewünscht. Schade nur, dass sie wieder um Mitternacht versteckt wird.
[Hamburger Abendblatt]
Jürgen Keimer
Moderator des 10. Internationalen Literaturfestes „Poetische Quellen 2011“
und
Gast beim Festabend zum Jubiläum der „Poetischen Quellen“
Jürgen Keimer wird 1943 in Kleve geboren. Er studiert von 1962 bis 1966 Katholische Theologie in Paderborn, Tübingen, Bonn und am Pariser Institut Catholique. Nach der Ausbildung und einer zweijährigen Arbeit als Kaplan im kirchlichen Dienst des Bistums Essen, entschließt sich Keimer, noch einmal die Universität zu besuchen, um Geschichte und Kunstgeschichte in Köln zu studieren. Von 1974 an arbeitet er drei Jahre lang als freier Journalist bei der Deutschen Welle, beim ZDF und beim WDR. 1977 wird er festangestellter Redakteur beim WDR-Hörfunk. Bis März 2005 ist er Leiter der Redaktionsgruppe „Aktuelle Kultur“ beim Sender WDR 5. Zu seinem Aufgabengebiet gehört zum Beispiel die Sendereihe „Scala – Das Kulturmagazin“; außerdem moderiert er regelmäßig im Wechsel mit anderen Redakteuren die „Tischgespräche“ und die Veranstaltungsreihe „Funkhausgespräche“ im WDR-Funkhaus am Kölner Wallrafplatz. Bei den Gesprächen war ihm vor allem wichtig, „dass sich die Stimmen ergänzen konnten – ich wollte nicht das konfrontative Gespräch. Es ging mir in erster Linie darum, ein Thema gemeinsam plastisch zu machen, anstatt Positionen gegenüber zu stellen.“
Frei sein, Dinge neu denken und das Publikum weg von ausgetretenen Pfaden führen, das gilt nicht nur für die Kunst, findet Keimer, „davon muss auch ein Kulturprogramm etwas haben.“
Seit Beginn des Internationalen Literaturfestes im Jahr 2002 ist Jürgen Keimer Moderator der „Poetischen Quellen“ und führt das Publikum sicher von Autor zu Autor und von Gesprächsrunde zu Gesprächsrunde, immer darum bedacht, neue Gedanken anregen zu können und auf interessante Geschichten und Themen aufmerksam zu machen.
Den längsten Applaus gab`s ganz am Ende. (…) Und zwar für Jürgen Keimer und seine Marathon-Moderation während der vergangenen vier Tage. (..) Die Welt ist zu Gast in Bad Oeynhausen. Wie ein ruhiger Ozeandampfer steuert Moderator Jürgen Keimer das Publikum souverän und sicher durch Wogen, Wellen und Schaumkronen der Weltliteratur. [Elke Niedringhaus-Haasper, Neue Westfälische]
amarcord
Das Vokalensemble amarcord sind die Sänger:
Wolfram und Martin Lattke (beide Tenor), Franz Ozimek (Bariton), Daniel Knauft und Holger Krause (beide Bass).
Das Ensemble wurde im Jahr 1992 von ehemaligen Mitgliedern des Leipziger Thomanerchores unter dem Namen des Fellini-Films amarcord gegründet. Im italienischen Dialekt bedeutet das „ich erinnere mich“ und wenn man die Stimmen einmal gehört hat, weiß man, was es damit auf sich hat. Heute zählt amarcord zu den führenden Vokalensembles weltweit. Unverwechselbarer Klang, atemberaubende Homogenität, musikalische Stilsicherheit und eine gehörige Portion Charme und Witz sind die besonderen Markenzeichen des Ensembles. Das äußerst facettenreiche und breitgefächerte Repertoire umfasst Gesänge des Mittelalters, Madrigale und Messen der Renaissance, Kompositionen und Werkzyklen der europäischen Romantik und des 20. Jahrhunderts sowie A-cappella-Arrangements weltweit gesammelter Volkslieder und bekannter Songs aus Rock, Pop, Soul und Jazz.
Dem Neuen gegenüber aufgeschlossen, legen die Sänger großen wert auf die Pflege und Förderung zeitgenössischer Musik. So schrieben u.a. Bernd Franke, Steffen Schleiermacher, Ivan Moody, James MacMillan, Sidney M. Boquiren, Siegfried Thiele und Dimitri Terzakis Werke für amarcord. Wenngleich reine A-cappella-Programme im Mittelpunkt der Konzerttätigkeit stehen, gibt es regelmäßig Projekte mit namhaften Ensembles und Künstlern wie dem Gewandhausorchester Leipzig, der Lautten Compagney, der Cappella Sagittariana, dem Leipziger Streichquartett, den KlazzBrothers, der Pianistin Ragna Schirmer, dem Bandoneonvirtuosen Per Arne Glorvigen und dem Geiger Daniel Hope.
Das Vokalensemble ist Preisträger zahlreicher internationaler Wettbewerbe (Tolosa/Spanien,
Tampere/Finnland, Pohlheim/Deutschland, 1. Chor-Olympiade in Linz/Österreich). Im Jahr 2002 gewann das Ensemble den Deutschen Musikwettbewerb, nachdem es bereits zwei Jahre zuvor mit dem Stipendium und der Aufnahme in die Bundesauswahl Konzerte junger Künstler des Deutschen Musikrates ausgezeichnet worden war. 2004 wurden die Sänger als erstes Vokalensemble mit dem Preis der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern ausgezeichnet. Meisterkurse bei den King’s Singers und dem Hilliard Ensemble gaben der Gruppe wertvolle Impulse.
Zahlreiche CDs dokumentieren eindrucksvoll die Facetten des Repertoires. Die 2009 erschienene CD Rastlose Liebe – ein Spaziergang durch das romantische Leipzig erhielt den ECHO Klassik, den luxemburgischen Supersonic Award und wurde Anfang 2010 zudem für den MIDEM Classical Award, den wichtigsten Preis der europäischen Schallplattenkritik, nominiert. Außerdem wurde diese CD – wie schon Nun komm der Heiden Heiland, Incessament und Hear the voice - mit dem renommierten Contemporary A Cappella Recording Award, dem „a-cappella-Oscar“, ausgezeichnet. Im Februar 2010 legte amarcord seine erste CD-Produktion gemeinsam mit Orchester vor: eine rekonstruierte Fassung von Johann Sebastian Bachs Markus-Passion unter Mitwirkung von Dominique Horwitz und der Kölner Akademie (Johann Sebastian Bach: Markus-Passion BWV 247; erschienen 2010 im Carus-Verlag Stuttgart; Carus 83.244).
Die fünf ehemaligen Thomaner können mit ihren Stimmen einfach alles: Sie bedienen sich ihrer wie einem Instrument, dem man in virtuosem Spiel sämtliche Charaktere abgewinnen kann und dabei die Technik in Perfektion beherrscht.
[Sibylle Schwenk, Schwäbische Post]
Die einen bezeichnen sie als die deutschen King’s Singers, die anderen sehen in ihnen das deutsche Hilliard Ensemble. Ihre Freunde nennen sie inzwischen einfach nur „Amarcord“. Und Freunde haben die phänomenalen (…) Herren, die aus den Reihen des legendären Thomanerchors hervorgingen, reichlich. Zu ihnen zählt nicht nur ein breit gefächertes, immer internationaler werdendes Fanpublikum, sondern auch befreundete Ensembles aus aller Welt. (…)
Mit einer Mischung aus lebendiger Diktion, musikalischem Perfektionismus und stilistischer Vielseitigkeit ist es dem Ensemble als einem der ersten hierzulande gelungen, eine eigenständige Antwort auf die King’s Singers oder das Hilliard Ensemble zu finden, ohne deren Kopie zu sein. Hintergrund des unverwechselbaren runden, weichen und kräftigen „deutschen“ Klangs von Amarcord ist dabei die gemeinsame Zeit der Ensemblemitglieder bei den Thomanern.
[Carsten Niemann, Der Tagesspiegel, Berlin]
Among this year's guest choirs was the outstanding German ensemble Amarcord. Specialists in the medieval and Renaissance periods, these five young men exploited the responsive acoustic of Cork's Cathedral of St Mary and St Anne to sustain an atmosphere of spiritual communion via the conduit of music.
[Michael Dungan, The Irish Times]
Die geschickt moderierenden Gesangsvirtuosen wissen die Palette der Gestaltung höchst virtuos und in bestechender Ausgewogenheit mit teils scharfer Akzentuierung zu wechseln, hervorragend die Abstufung von forte und piano, der geschmeidige und wendige Fluss der Stimmführung.
[Richard Hörnicke, Wiesbadener Kurier]
Da sich das Ensemble "Amarcord" mittlerweile als ein Synonym für höchste vokale Klangkultur etabliert hat, war es wohl vorhersehbar, das Konzert des Ensembles als einen der Höhepunkte der diesjährigen Thüringer Bachwochen [2006; Anm. d. Red.] festzumachen.
[Matthias Huth, Thüringer Allgemeine]
Die fünf Vokalsolisten gehören neben dem Thomanerchor und dem Gewandhausorchester zu den kulturellen Aushängeschildern ihrer Heimatstadt Leipzig: das Ensemble "amarcord" …
[Anastasia Poscharsky-Ziegler, Der neue Tag]
Manon Straché
„Das Leben, der Alltag, waren bestimmt von Angst und Hoffnungslosigkeit, aber auch von einer unsagbaren Wut auf das System und dem unbändigen Willen nach Demokratie und Freiheit“, beschreibt die Schauspielerin Manon Straché ihre Situation in der DDR kurz vor dem Mauerfall.
1960 in Magdeburg geboren, besucht sie die Theaterhochschule in Leipzig und macht anschließend politisch-satirisches Kabarett bei der Leipziger Pfeffermühle und den academixern. Kurz nach dem Mauerfall verlässt sie die DDR, wird am Stadttheater in Heidelberg engagiert und feiert erste Fernseherfolge. Zu ihrem Leben in der DDR, insbesondere mit Blick auf die Montagsdemonstrationen, befragt, sagt sie in einem Interview mit Thomas Brandstetter: „Ich werde für eine Sache, bei der ich glaube, das ist richtig, immer wieder auf die Straße gehen, immer wieder. (…) Mut hat ja was mit Zivilcourage zu tun, und das ist in jedem System möglich. Nicht weggucken! Hinschauen und benennen. Und hinterfragen. Und helfen. (…) Ich glaube, Mut ist, wenn man auch Angst hat.“
Ihre künstlerischen Wurzeln liegen im Theater. Bereits 1983 spielte sie in dem Stück Götz von Berlichingen unter der Regie von Peter Sodann am Landestheater Halle. Zwischen 1990 und 1995 folgten u.a. die Stücke Kleiner Mann, was nun oder King Lear am Theater der Stadt Heidelberg.
Anfang der 90er Jahre zieht Manon Straché in die Lindenstraße ein. 1998 bekommt sie den „Telestar“ für ihre Rolle in der ZDF-Serie girl friends. Seitdem steht sie regelmäßig vor der Kamera (u.a. für das Traumschiff und Hotel Elfie), spielt aber weiterhin auch am Theater. Zwischen 2004 und 2010 geht sie immer wieder auf Theater-Tourneen, unter anderem mit den Stücken Offene Zweierbeziehung von Dario Fo, Der Menschenfeind von Molière oder Der letzte der feurigen Liebhaber von Neil Simon.
Abgesehen davon ist Manon Straché auch in der Synchronisation tätig. In der Wunschpunsch nach Michael Ende synchronisierte sie die Figur der Tante Tyrannja Vamperl.
Im vergangenen Jahr erschien ihr Buch Leise jedoch kann ich nicht, eine deutsch-deutsche Lebensgeschichte.
Ich beurteile Menschen nicht nach ihren Positionen, sondern nur nach ihren Kompetenzen. Wenn jemand was kann, finde ich das super. Wenn man gemeinsam etwas erarbeitet und der andere zum Ergebnis steht, egal welchen Erfolg oder Misserfolg die Arbeit hatte, dann sind diese Leute für mich akzeptabel. Mit solchen Menschen arbeite ich gerne. Aber wenn sich jemand nur über seine Position definiert, hat mich das noch nie interessiert. Hierarchien waren mir schon in der DDR egal - und da war es teilweise lebensgefährlich. Mich hat immer Leistung interessiert und Haltung. [Manon Straché im Gespräch mit Andrea Niederfriniger]
Andreas Maier
Bücher u.a.: Ich, 2006, Das Zimmer, 2010
„Es gibt in uns etwas Unantastbares, das wir dauernd anzutasten versuchen und tatsächlich auch antasten, und das, kurz gesagt, macht uns zu falschen Wesen, weil zu selbstwidersprüchlichen, zu solchen, die immer gegen sich handeln, d.h. gegen ihr Gewissen und ihre Wahrheit“, schreibt Andreas Maier in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen mit dem Titel Ich. Natürlich weiß auch er nicht, wie der Mensch es vermeiden könnte, sich und seine Würde anzutasten, immer mehr der Lüge als der Wahrheit nachzuleben, aber alle Romane Maiers sind auf der Grundlage genauer Beobachtungen und Erinnerungsschilderungen stets ein neuer Versuch, mittels weiterer Fragen das Leben zu reflektieren: „Literatur ist für mich ein Medium, das keine Antworten geben muss, sondern Fragen offen halten darf. Mein Denken funktioniert nur dadurch, dass ich in die lebenden Personen meiner Bücher hineingehe und versuche, durch deren Mund zu sprechen. Es gibt also keinen Gedanken, der außerhalb der Rede meiner Figuren Bestand hätte“, sagt Andreas Maier in einem Gespräch 2005. In Das Zimmer spricht Maier durch die Figur des Onkels J., einer Zangengeburt am Ende des Zweiten Weltkrieges, der dadurch zwar älter aber nie erwachsen wird und in einem unbewussten, fast kindlichen, fast unschuldigen Paradieszustand sein Leben lebt. Durch die Achtung, mit der der Maier mit seinen Figuren umgeht, gelingt ihm etwas großartiges, „weil vielmehr der Leser von Das Zimmer durch die Intuition des Erzählers auf subtile Weise in einen Entwicklungsprozess hineingezogen wird – den eigenen nämlich“, schreibt Christoph Schröder in der Literaturzeitung Volltext darüber.
Andreas Maier, 1967 in Bad Nauheim geboren, studiert in Frankfurt und promoviert über die Prosa Thomas Bernhards. Er bekommt zahlreiche Auszeichnungen für sein Werk, darunter 2004 als erster Autor den neu geschaffenen Mindener Candide-Preis und zuletzt 2010 den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis. Seine Bücher liegen in vielen Übersetzungen vor. Nach neun Jahren, Andreas Maier war bereits bei der ersten Ausrichtung der „Poetischen Quellen“ im Jahr 2002 mit dabei, kehrt er nun als Gastautor zum Internationalen Literaturfest zurück.
Mit „Das Zimmer“ ist Andreas Maier ein Meisterwerk der scharfen Beobachtung und der kleinen Wahrnehmung gelungen. Nur wie im Augenwinkel beim Vorbeifahren im Variant blitzen in der Landschaft die Fragen auf, wie es denn mit der Freiheit und der Würde des Menschen bestellt ist und wohin es mit der Zivilisation noch gehen soll.
[Friedmar Apel, Frankfurter Allgemeine Zeitung]
SAID
Bücher u.a.: Dieses Tier, das es nicht gibt, 1999, Psalmen 2007, Das Niemandsland ist unseres, 2010
Auch wenn SAID kein religiöser Autor ist, stammt eine der schönsten Umschreibungen von Religion von ihm: „sie ist das hinterland, aus dem die freiheit agiert“, schreibt er in dem Buch Ich und der Islam. Vernunft, Freiheit und Religion sind für SAID keine Gegensätze, nur der Dialog zwischen ihnen ermöglicht Menschen ein menschenwürdiges Dasein. SAIDs Schreiben ist sowohl von seinem Aufwachsen in der islamischen Welt als auch von seinem über vierzigjährigen Aufenthalt im christlichen und freiheitlich-demokratisch geordneten Deutschland geprägt. Geboren 1947 in Teheran, kam SAID 1965 als Student nach Deutschland und blieb aufgrund der Mullahherrschaft im Iran bis heute im deutschen Exil. Erst in den 80er Jahren beginnt er, literarisch in der Sprache seines gewählten Exils zu schreiben. Die kritische Verbundenheit zur deutschen Kultur und Sprache sowie zur europäischen Vorstellung eines Freiheitsbegriffs kommt in fast allen seinen Büchern zum Ausdruck. Autoren wie Hölderlin, Goethe, Heine, Nietzsche, Novalis sind feste Bezugsgrößen in seiner literarischen Arbeit. Gleichzeitig verliert SAID nicht die Verbindung zur Literaturlandschaft des Iran. „Die Liebe müssen wir in der Hinterstube verstecken“ ist ein Satz aus dem Gedicht „In dieser Sackgasse“, das der Altmeister der iranischen Lyrik, Ahmad Schamlu, nach den ersten Massakern des Chomeini-Regimes im Sommer 1979 dichtete und, so Said, der es in seiner Tagebuchnotiz vom „januar 1996“ übersetzt hat: „das gedicht ist im iran nie erschienen. dennoch: jeder kennt es ...“.
Es gibt in Deutschland wohl von keinem anderen Autor Liebeslyrik, die in sich den leidenschaftlichen Hauch eines sinnlichen Orients mit der sprachlichen Präzision, die auf alles Überflüssige verzichtet, derart ebenbürtig und einmalig verbindet. Die Literatur von SAID ist in diesem Sinn, was bedeutende Literatur immer war und immer sein wird: Sie ist subversiv, indem sie einerseits scheinbar zwangsläufig voneinander Getrenntes zusammenbringt und andererseits gnadenlos mit dem einfachen Mittel des Erzählens die Falschheit und die Grausamkeit einer zur Ideologie erhobenen Religion offen legt, ebenso wie sie untergründig die falsche Rhetorik der westlichen Demokratien anprangert. Bei all dem setzt SAID auf den Dialog als einzige Chance zur Verbesserung der Zustände. SAIDs Veröffentlichungen selbst müssen als ein Teil dieses Dialogs zwischen den Kulturräumen und unter hoffenden Menschen betrachtet werden, geschrieben, um die Liebe endlich wieder aus der Hinterstube zu befreien.
der verzicht ist teil der schöpfung, das nötige gegengift gegen alle korrumpierung. (…) zum verzicht aber gesellt sich die freiheit; erst der genügsame kann unbeugsam bleiben. und die freiheit gebiert demut oder sie wird zur freizeit, gestaltet von der wirtschaft.
[SAID in seiner Künstlerrede zum Aschermittwoch, 2009]
Sahra Wagenknecht
Buch: Freiheit statt Kapitalismus, 2011.
Auf die Frage, was Freiheit bedeute, antwortet Sahra Wagenknecht: „Der heute gängige Begriff ist inakzeptabel. Wer zu Minijobs gezwungen wird oder noch nicht einmal von einer Vollzeitstelle leben kann, der ist doch nicht frei. (…) Zur Freiheit gehört auch materielle Sicherheit. Freiheit hat mit der Frage zu tun: Kann ich mein Leben planen? Wer sich von einer befristeten Beschäftigung zur nächsten hangeln muss, der kann genau das nicht. Auch Hartz IV hat zu einem Überwachungssystem geführt, das grundlegende Freiheitsrechte mit Füßen tritt.“
Sahra Wagenknecht, 1969 in Jena geboren, gehört zu den umstrittensten Menschen in der deutschen Politik. Das liegt vor allem daran, dass sie es vehement ablehnt, Profit als den einzigen Motor von Motivation und zivilisatorischer Entwicklung zu betrachten. „Der Mensch ist Egoist und soziales Wesen“, sagt sie. „Welche Eigenschaften gestärkt werden, hängt auch von der Umgebung ab. Unter einem gewissen Schutz verhalten sich die Menschen sozialer.“
Ihrem Vater, ein iranischer Student, der in Westberlin studiert und als Ausländer in den Osten darf, läuft 1972, da war sie gerade drei Jahre alt, die Aufenthaltsgenehmigung ab. Sie sieht ihn nie wieder. Mit vier Jahren kann sie lesen, mit zwölf will sie Persisch lernen, erhält Unterricht und schreibt schließlich „in Goldschrift und auf Persisch Verse des Dichters Hafis.“ Von Hafis scheint es nur ein west-östlicher Sprung zu Goethe für sie zu sein, dessen beide Faust-Teile sie als Jugendliche bald auswendig gelernt hat. Zu DDR-Zeiten darf sie nicht studieren. Das holt sie nach dem Mauerfall nach und schließt 1996 das Studium der Philosophie und Neueren Deutschen Literaturwissenschaft mit einer Arbeit über Hegel und Marx ab. Zwischen 1991 und 2007 ist sie mit einer Unterbrechung Mitglied des Parteivorstandes der PDS und dann der Linkspartei. Von 2004 bis 2009 ist sie Mitglied des Europaparlaments. Im September 2009 wird sie in den Bundestag gewählt und seit Mai 2010 ist sie Stellvertretende Vorsitzende der Partei DIE LINKE. Gegenüber Günter Gaus beschreibt sie den Begriff der Freiheit im Sinne Kants: Freiheit ist tatsächlich, dass jeder die Möglichkeit hat, die Fähigkeiten, die Neigungen auch, die er hat, entfalten zu können und das nicht zu Lasten eines anderen.“ Diesem Anspruch handelt der Kapitalismus als Gesellschaftsform in seiner heutigen Ausprägung fast nur noch zuwider.
Sie beschreibt und würdigt die Ansprüche und Ideen , mit denen „die bundesdeutsche Gesellschaft in der Nachkriegszeit gestartet“ ist. „Wohlstand für alle“ war das große Versprechen Ludwig Erhards und der sozialen Marktwirtschaft. Gleiche Chancen beim Start, soziale Absicherung, Wettbewerb, der eine „am realen Bedarf orientierte Wirtschaft steuert“, keine beherrschende Marktmacht. Das waren die Versprechen und nichts davon ist übrig. Der Kapitalismus versage nicht nur im sozialen Bereich, nicht nur bei der Verteilung von Einkommen und Vermögen. Er versage vor allem vor seinen eigenen ökonomischen Ansprüchen. [Albrecht Müller, nachdenkseiten.de]
Freiheit als Sicherheit – das ist nicht gerade das westlich-hedonistische Verständnis und steht fest auf dem Boden des historischen Materialismus. Vielleicht wirkt hier die Altklugheit des Kindes nach, das gelernt hat, die Welt aus einer idealistischen Position zu betrachten, um die es sich beim Marxismus am Ende eben doch handelt. [Edo Reents, Frankfurter Allgemeine Zeitung]
Susan Neiman
Buch: Moralische Klarheit. Leitfaden für erwachsene Idealisten, 2010.
Wir haben moralische Bedürfnisse (…), die so stark sind, (…), dass sie (…) unseren Selbsterhaltungstrieb außer Kraft setzen können. (…). Sie schließen das Bedürfnis ein, unser eigenes Leben als eine Geschichte mit Bedeutung zu sehen – Bedeutungen, die wir der Welt verleihen und die eine wesentliche Quelle menschlicher Würde sind –, weil wir unser Leben andernfalls für wertlos halten würden“, schreibt Susan Neiman in ihrem neuen Buch. Es geht ihr darin um zweierlei: Um eine Renaissance der immer noch maßgeblichen moralischen Werte der Aufklärung und um das Zurückgewinnen der inhaltlichen Bestimmungen dieser Begriffe von Seiten einer konservativ-klerikalen Macht- und Deutungselite.
Neiman, 1955 in Atlanta im amerikanischen Bundesstaat Georgia geboren, entstammt einem liberalen jüdischen Elternhaus. Mit 14 Jahren verlässt sie ihr Zuhause und lebt in Kommunen in Maryland und Berkeley, um die 68er-Bewegung mitzuerleben. Mit dem Abschluss der Abendschule am City College in New York kann sie endlich ein Philosophiestudium beginnen: Zunächst an der Harvard Universität und dann, mit einem Fulbright-Stipendium, an der Freien Universität Berlin. Ihre Doktorarbeit schreibt sie über Die Einheit der Vernunft bei Kant. „Dem internationalsten aller deutschen Geister, auf den ich immer wieder zurückkomme“, wie Neiman sagt. Nach weiteren intellektuellen Leitfiguren gefragt, nennt sie Hannah Arendt und Jean Àmery als Beispiele „für eine kritische, manchmal verzweifelte Aufklärung im 20. Jahrhundert.“ Von 1989 bis 1996 ist sie Professorin für Philosophie an der Yale Universität und von 1996 bis 2000 an der Universität in Tel Aviv. „Auch wenn Ideale wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit in der Abstraktion immer plump klingen: Sie sind doch heute genauso wichtig wie vor 200 Jahren. Uns bleibt nichts Besseres“, erklärt sie in einem Gespräch mit Dorothee Nolte. Ihr jüngstes Buch Moralische Klarheit sorgt bereits nach der Veröffentlichung 2008 in den USA und in Großbritannien für Aufsehen. Seit 2001 ist Susan Neiman Direktorin des Einstein Forums in Potsdam und lebt mit ihren drei Kindern in Berlin.
Vom Relativismus, für den alle moralischen Werte gleich sind, ist es nur ein kleiner Schritt zum Nihilismus, für den alles Reden über Werte überflüssig ist.
[Susan Neiman, Moralische Klarheit]
Es ist genau dieses moralische Vorwissen, auf das wir dann und wann gestoßen werden müssen, damit wir nicht am Stumpfsinn der Welt resignieren oder von irgendjemandem theoretisch überrumpelt werden. Moral, betont Susan Neiman mit Kant, kann weder bestritten noch bewiesen werden. Sie reflektiert schlicht unseren Sinn für Würde – des Anderen wie unserer selbst. [René Weiland, Deutschlandradio Kultur]
Norbert Bolz
Buch: Die ungeliebte Freiheit, 2010.
„Die Freiheit und ihr Gegenpart, die Bindung, bilden gemeinsam das zentrale Wertpaar, um das die anderen Werte kreisen. Über Freiheit und Bindung kann man alles und nichts sagen. Man schätzt Freiheit als höchsten Wert, ohne sagen zu können, was man meint. Das zeigt sich an der politischen Schwäche des Liberalismus. Ähnliches gilt für Bindung. Hier gibt es ein unverbindliches Überangebot: Religionen und Ersatzreligionen, Lebensphilosophien und Commitments. Es sind unverbindliche Bindungen. Klar ist aber, dass Freiheiten und Ligaturen [Zugehörigkeiten; Anm. d. Red.] nur zusammen existieren können. Nietzsche hat dafür das beste Bild gefunden: in Fesseln tanzen“: So äußerte sich Norbert Bolz in diesem Jahr auf der Website werteindex.de über den Wert, den er ein Jahr zuvor in seinem Buch als „ungeliebte Freiheit“ bezeichnet hat, vielleicht weil der Begriff mit mehr Ungewissheiten als mit Gewissheiten in Zusammenhang gebracht werden kann. Dies gilt für Bolz vor allem in einem vorsorgenden Sozialstaat, der der Freiheit nur ein „soziales Gefängnis“ errichte und den Bürgern eher Angst vor Freiheit und Freiheiten einflöße. Die größte Gefahr für die Freiheit sieht er jedoch bei den Menschen selbst veranlagt. Nur wenigen sei heute die Freiheit wichtig genug, um dem Kollektiv-Zwang Widerstand zu leisten, den Gruppen und Medien aufbauten
Bolz, 1953 in Ludwigshafen geboren, studiert Philosophie, Germanistik, Anglistik und Religionswissenschaft in Mannheim, Heidelberg und Berlin. Seine Dissertation zur Ästhetik bei Adorno verfasst er bei dem bekannten Religionsphilosophen Jacob Taubes, dessen Assistent er auch ist. In seiner Habilitationsschrift befasst er sich mit dem Philosophischen Extremismus zwischen den Weltkriegen. Nach dem Tod Tauber 1987 arbeitet Bolz bis 1992 als Dozent an der Freien Universität Berlin. Im Anschluss daran hält er an der Universität-Gesamthochschule Essen bis 2002 eine Professur am Institut für Kunst- und Designwissenschaften inne. Seit 2002 ist er Professor am Institut für Sprache und Kommunikation an der Technischen Universität Berlin. Seine Fachgebiete sind Medienwissenschaft und Medienberatung. Bolz lebt mit seiner Familie in Berlin.
Wie ist die Lage der Freiheit? Der Medienphilosoph Norbert Bolz hat einen vielstimmigen philosophisch-soziologischen Zettelkasten zusammengestellt: Gedankenreich, aphoristisch und voller Zuspitzungen. [Wolfgang Schneider, Deutschlandradio Kultut]
Sabine Gruber
stellt ihren neuen Roman Stillbach oder Die Sehnsucht vor.
„Ich halte mich an die Worte / Wohin sie auch gehen. …“, heißt es in einem Gedicht von Sabine Gruber, die damit selbst zum Ausdruck bringt, dass ihr „ein Leben ohne Schreiben undenkbar“ wäre. Als sie mit 14 Jahren nach ihren Berufswünschen gefragt wurde, antwortete sie: „Schriftstellerin oder Journalistin.“ Seit 2000 lebt sie als freie Schriftstellerin in Wien, schrieb neben inzwischen vier Romanen einen Gedichtband, Hörspiele und ein Theaterstück, und sagt darüber: „Schreiben ist eine Leidenschaft. Man kann sie ebenso wenig begründen wie die Liebe. Sie bricht über einen herein, ist einfach da, und man tut alles, damit sie erhalten bleibt. (…) Zuweilen verfluche ich das Schreiben, aber ich kann nicht aufhören damit, es ist eine Sucht …“
1963 in Südtirol, in Meran geboren und in Lana aufgewachsen, arbeitet Sabine Gruber nach dem Studium vier Jahre lang als Lektorin für Deutsch an der Universität von Venedig, hält Literatur- und Sprachkurse. Ihr erster Roman erscheint 1996, zwei Jahre nach einer Nierentransplantation, der sie sich unterziehen musste. Der Titel Aushäusige spielt auf die Hauptpersonen des Romans an, die ihre Heimat, Südtirol, verlassen haben und jetzt als Entwurzelte, Heimatlose eben kein Zuhause mehr finden. Das Thema des Fremdseins spielt auch in ihrem neuen Roman Stillbach oder Die Sehnsucht eine Rolle, wobei mit Sehnsucht nicht nur die Liebe gemeint ist, sondern auch ein Ort, an dem man sich aufgrund des Ineinandergreifens von persönlichen und historisch-politischen Ereignissen, einmal nicht ausgegrenzt fühlen muss. Nach einem solchen Ort, auch Heimat genannt, befragt, antwortet Sabine Gruber: „Ich mag das Wort `Heimat` nicht. Es diente in Südtirol als Nationalbegriff, als Abgrenzung. (…) Zu Hause bin ich, wenn mein Körper einigermaßen funktioniert, (…). Vielleicht ist meine `Heimat` ein Zustand, der mich leben/überleben lässt, ohne mich ständig an den Tod zu erinnern, die so genannte Normalität der Gesunden, die ich mir auch für mich selber wünsche.“
Eine Heimat hat sie ganz sicher: Die Sprache und das Schreiben!
Sabine Grubers Realismus arbeitet mit sanfter Ironie, aber er kennt keine Sentimentalität. Was ist, das ist zu erzählen. (…) Das Projekt der Schriftstellerin ist wie ein grosser Versuch, das zwischen Sein und Nichtsein schwebende Leben festzuhalten.“
[Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung]
Schreiben ist beides: Suche und Versuchung und niemals richtig, daher ein lebenslänglicher Versuch. (…) Mein Blatt ist der Ort, wo etwas werden kann, so lange ich atme. Denn Schreiben ist auch eine Art zu atmen.
[Sabine Gruber, Rede zur Verleihung des Anton Wildgans-Preises, 2010]
Bora Cosic
stellt seinen neuen Roman Im Ministerium für Mamas Angelegenheiten vor.
Übersetzung des Gesprächs: Lidija Klasić
Deutsche Lesung: Johannes-Paul Kindler
In der Dankesrede zum Stefan Heym Preis findet sich ein Satz von Bora Ćosić, der, ins Publikum gesprochen und hoffentlich von allen europäischen Politikern gehört, gleichzeitig die innere Situation dieses großen Schriftstellers beschreibt: „Viel Geduld und Achtsamkeit erfordert die hergestellte Freiheit, die im ersten Augenblick wie ein ungefiederter Vogel ist.“ Bora Ćosić muss, um seine Freiheit und Würde immer wieder herzustellen vieles ertragen. Geboren 1932 in Zagreb, damals noch das Königreich Jugoslawien, wächst er in Belgrad auf, erlebt die Besetzung durch die deutsche Wehrmacht, den Partisanenwiderstand und den Einmarsch der sowjetischen Armee. 1945 etabliert sich unter Tito die Volksrepublik Jugoslawien, die sich rasch als blockfreier Staat von der UDSSR löst. Ćosić studiert in Belgrad Philosophie, übersetzt russische Dichter wie Majakowski ins Serbokroatische und gehört mit eigenen Veröffentlichungen bald zur Belgrader Avantgarde. Aus Protest gegen das Kriegsgedröhn Milosevics und dessen die Freiheit einschränkende Politik, verlässt er zu Beginn des Jugoslawienkrieges nach 55 Jahren Belgrad und geht 1992 ins kroatische Exil nach Istrien. Es folgen drei Jahre, in denen der Serbe Ćosić sich in Kroatien den brutal geführten Krieg zwischen beiden Brudervölkern beobachtet, bevor er 1995 im Anschluss an ein DAAD-Stipendium nach Berlin übersiedelt. Seine Heimat kann und will er nicht mehr örtlich, schon gar nicht national bestimmen: „Meine wichtige und Ur-Heimat, das ist meine Sprache: Serbokroatisch.“ Ćosićs Werk ist Weltliteratur, für das ihm 2002 der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung verliehen wird. Der Literaturnobelpreis wartet auf ihn. In seinem jüngsten Buch kehrt er mit turbulenten Geschichten zurück in das Belgrad der 40er Jahre und knüpft an sein 1994 in Deutschland erschienenes Kultbuch Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution an. Damit entfacht Ćosić erneut großes Welttheater in engen Verhältnissen, witzig und skurril erzählt aus der Sicht eines naiven Kindes.
Bora Ćosić ist ein Schriftsteller, der sich mit unserer Zeit auseinandersetzt, der Türen aufstößt, der aus engem Denken herausführt, der neue, überraschende Blickwinkel eröffnet, der all dies mit Esprit und feinem oder – wenn nötig – bösen Witz brillant zu formulieren versteht, der vor allem niemals für ein bequemes Leben sein Recht veräußern würde, zu sagen und zu schreiben, was er denkt und fühlt; mögen dafür noch so unangenehme Repressalien drohen … [Fritz Pleitgen in seiner Laudatio zur Verleihung des Stefan Heym Preises 2011 an Bora Ćosić]
Lidija Klasic
Buch: Auf nach Istrien vor.
Lidija Klasić, geboren in Krapina im heutigen Kroatien, lebt mit ihrem Mann, Bora Ćosić, abwechselnd in Berlin und Rovinj. Nach dem Studium der Politikwissenschaft ist sie als Journalistin beim damaligen Radio Zagreb, ab 1988 als Auslandskorrespondentin in Bonn tätig. Wegen Kritik am ersten Präsidenten des unabhängigen Kroatien, Tudjman, wird ihr gekündigt. Sie arbeitet daraufhin erst als Redakteurin, später als Parlamentskorrespondentin bei der Deutschen Welle. Außerdem berichtet sie beim WDR-Köln, im Deutschlandfunk und in der Neuen Zürcher Zeitung über Ex-Jugoslawien.
Lidija Klasic nimmt den Leser mit auf die verschlungenen Wege, die durch dieses Land führen, sie erzählt liebevoll von Land und Leuten und eingehend von Orten, an denen einst die Künstler ein und aus gingen: Nabokov und Joyce, Musil und Schnitzler. Und ja, auch Tito, der letzte „Habsburger“, war da.
[Andreas Breitenstein, Neue Zürcher Zeitung]
Thomas Lehr
stellt seinen Roman September Fata Morgana vor.
„Ich werde vom Thema getrieben“, sagt Thomas Lehr über seine Arbeit als Schriftsteller. „Das erste, was ich habe, ist die thematische Idee, und dann beginnt eigentlich die Suche, wie ich sie sprachlich realisieren kann. (…) Wenn es eine durchgängige Charakteristik meines Schreibens gibt, dann ist es sicherlich die, dass ich mit jedem Thema die Form suche.“
In seinem jüngsten Roman September Fata Morgana können die Leserinnen und Leser feststellen, wie beeindruckend dem Autor dies gelungen ist. Der Ausgangspunkt dieses Romans war nicht die Betroffenheit über den Anschlag auf das World Trade Center am 9. September 2001, sondern „das Betroffen-sein von dem Anschlag“ in all seinen Auswirkungen. Die Form, damit auf literarischer Ebene umzugehen, war für Lehr der Dialog.
Das mag nicht weiter überraschen, wenn man hört, dass für den Autor die Aufgabe von Literatur darin besteht, den Blickwinkel für humanitäre Gemeinsamkeiten zu öffnen, was nur durch die Suche nach Wahrhaftigkeit gelingen kann: „In der Vielfalt und Differenzierung der Figurenwahrnehmung kann sich der Roman einer gewissen Wahrheit oder besser: einer wahrhaftigen Darstellung der Ereignisse nähern.“
Erzählt werden zwei parallele Familiengeschichten in New York und Bagdad: Martin und seine Tochter Sabrina wie Tarik und seine Tochter Muna werden durch die weltgeschichtlichen Ereignisse des Anschlags auf das World Trade Center zu Opfern. Jeweils aus ihrer Sicht lässt Lehr seine Figuren über diesen Epocheneinschnitt erzählen. So bekommt jede Seite sowohl die Chance der Darstellung aus ihrer Sicht als auch die Möglichkeit der Selbsterkenntnis: Genau das ist mit dem „dialogischen Prinzip“ gemeint. „Die Sprache“, so Lehr, „soll man fast als Therapeutikum empfinden, als Möglichkeit, den Dialog zu führen und als Möglichkeit der Verarbeitung des Grauens.“
Thomas Lehr, 1957 in Speyer geboren, studiert Biochemie an der Freien Universität in Berlin und ist anschließend als Systemverwalter und Programmierer an der Bibliothek der FU Berlin tätig, bis er sich 1999 entschließt als freier Schriftsteller zu arbeiten. Bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, hält Lehr in diesem Jahr die Heiner-Müller-Gastprofessur an der FU Berlin inne. Damit verbunden ist die Zuerkennung des Berliner Literaturpreises, der ihm bereits verliehen wurde.
Jenseits seiner literarischen Qualitäten ist „September“ eine Kampagne für den Respekt gegenüber Menschen. Lehr muss das nicht beabsichtigt haben, seine Figuren machen das. Und führen auch den seltenen Nachweis, dass Bildung Menschen tatsächlich daran hindern kann, Blödsinn zu reden.
[Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau]
Laszlo F. Földenyi
Bücher u.a.: Heinrich von Kleist. Im Netz der Wörter und Dostojewski liest Hegel in Sibirien und bricht in Tränen aus
„Ich bin überzeugt, dass man, im Besitz von innerer Freiheit, Aufmerksamkeit, Unvoreingenommenheit oder Humor auch aus den hoffnungslosesten Situationen einen Ausweg findet“, sagt Földényi in einem Interview. Der Beobachtung dieser Situationen gilt sein besonderes Interesse, denn das Eintreffen solch überraschender, manchmal erschütternder Augenblicke sind es, die für László F. Földényi die Möglichkeit für den Menschen eröffnen, in einer glatten, aus inzwischen fast nur noch mathematisch-naturwissenschaftlich-ökonomischen Begründungen bestehenden Existenz, doch noch Spuren eines metaphysisch-übersinnlichen, von Staunen und Zweifeln umgebenen Zusammenhangs zwischen dem eigenen Leben und der Welt zu erkennen. Wäre dies nicht der Fall, bestünde für den hoffenden Melancholiker Földényi keine Aussicht mehr für eine würdevolle, menschliche Existenz in Freiheit: „Was ich heute sehe (…) ist der Glaube an die Allmacht der Institutionen, die Überzeugung, dass alles machbar ist. In einer Welt, wo jegliche Spur von Transzendenz verdächtig ist, ist auch der Glaube an die individuelle Verantwortung und Freiheit verlorengegangen – oder höchsten auf höfliche, aber leere und inhaltslose Formulierungen reduziert worden.“
Földényi, 1952 in Debrecen („in der allerschlimmsten Zeit des Stalinismus“), einer Provinzstadt Ostungarns, geboren, studiert Hungarologie und Anglistik in Budapest. Von 1980 bis 1986 gibt er die ungarische Zeitschrift für Theaterwissenschaft heraus. Nebenbei übersetzt er Stücke zeitgenössischer Dramatiker ins Ungarische, darunter Max Frisch und Heiner Müller. Seit 1991 ist Földényi Dozent am Institut für vergleichende Literaturwissenschaften an der Budapester Loránd-Eötvös-Universität. Er ist Übersetzer und Mitherausgeber einer ungarischen Ausgabe der Werke Heinrich von Kleists. 2009 wird er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Mit seinen essayistischen, kunsttheoretischen, literaturwissenschaftlichen und philosophischen Veröffentlichungen gehört Földényi zu den vielseitigsten und hervorragendsten Denkern und Autoren Ungarns, der sich mit seiner Kritik an der derzeitigen freiheitseinschränkenden rechtskonservativen Regierung Ungarns nicht zurückhält.
Staunen heißt für mich: den Sinn für die Einzigartigkeit des Daseins zu bewahren.
[László F. Földényi]
Warum sollten wir also nicht von Földényis Sensibilität lernen? Von seiner Skepsis gegenüber falschen Gewissheiten und dem Design des Glatten und Gutgemeinten? Und wenn uns dabei gelegentlich Schwindelgefühle überkommen, heisst das zuverlässig, dass die Lektüre gefruchtet hat.
[Ilma Rakusa in ihrer Laudatio auf Földényi bei der Verleihung des Friedrich-Gundolf-Preises für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland 2005]
Tanja Langer
Tanja Langer
Buch u.a.: Wir sehn uns wieder in der Ewigkeit, 2011
Einen erschütternden Augenblick zweier Menschen auf der Suche nach innerer Freiheit und Würde beschreibt die Autorin Tanja Langer in ihrer neuen Erzählung Wir sehn uns in der Ewigkeit: Langer erzählt die letzte Nacht von Heinrich von Kleist und Henriette Vogel, die gemeinsam am 21. November 1811 am Kleinen Wannsee in Berlin in den Freitod gingen. „Ich beschäftige mich schon sehr, sehr lange mit Heinrich von Kleist und seiner Zeit, nachdem ich in Wiesbaden mit 16 bei einer Lesung mit Christa Wolf war. Immer wieder bin ich auf das Thema zurückgekommen. Es ist wie ein Refrain in meinem Leben. Und dann bin ich in Berlin in die Nähe des Kleist-Schauplatzes gezogen. Das hat noch mal eine Magie ausgemacht. Und nach dem Libretto zur Kleist-Oper (2008), hatte ich das Gefühl, dass ich mir noch nicht alle Fragen beantwortet hatte“, so die Autorin mit Blick auf ihre Erzählung.
Langer, geboren 1962 in Wiesbaden, studiert Literaturwissenschaften, Kunstgeschichte, Philosophie und Politikwissenschaften in Paris, München und Berlin. Seit den 90er Jahren veröffentlicht sie literarische Texte, zunächst Theaterstücke. 1999 erscheint ihr erster Roman Cap Esterel. Ihr Schreiben ist geprägt durch die Auseinandersetzung mit anderen Künsten und so arbeitet sie zum Beispiel regelmäßig mit dem Berliner Komponisten Rainer Rubbert zusammen, für dessen Kleist-Oper sie das Libretto verfasst unter Verwendung zahlreicher Kleist-Zitate.
„Da ist ein Mensch, nennen wir ihn Kleist. Er sucht Erfüllung im Leben, in der Kunst, in der Liebe; und er findet sie nicht. Der Tod, den er alternativ begehrt, ist ihm von Beginn an näher, als die sich immer schneller drehende Welt, die er nicht mehr verstehen mag und kann“, beschreibt der Kritiker Benno Rougk den von Tanja Langer skizzierten Lebensweg Kleists in der Oper.
Neben ihrer Leidenschaft für die Bildenden Künste und die Musik, interessiert sich Langer ebenfalls dafür, wie Geschichte erzählt wird und wie historische Ereignisse und längerfristige Veränderungen das Leben Einzelner bestimmen.
Tanja Langers Geschichte über Heinrich und Henriette folgt sehr genau dem biografischen Wissen, das sich die Nachwelt - dank eines ausführlichen Polizeiberichts - von den letzten Stunden beider machen kann. Die Erzählung ist klug komponiert und wunderbar erzählt, also ein echtes literarisches Kabinettstück. [Kai Agthe, Thüringische Landeszeitung]
Liest man Tanja Langers detailreiche, oft fesselnde Erzählung, so sagt man sich: So könnte es gewesen sein. Genau so. [Silke Scheuermann, Die Literarische Welt]
André Schiffrin
trifft N.N.
Buch: Paris, New York und zurück. Politische Lehrjahre eines Verlegers (2010)
„Es ist noch immer möglich, neue und unabhängige Gedanken zu verbreiten, aber man benötigt heute deutlich mehr Einfallsreichtum als früher und muss bereit sein, neue Wege zu gehen“, schreibt der amerikanische Verleger André Schiffrin. Um diesen Satz zu verstehen, muss man seine Lebensstationen und die seiner Familie nachzeichnen, die nach der Russischen Revolution ihren Besitz verliert und auswandert. Der Vater, Jacques Schiffrin, verdingt sich zunächst als Russischlehrer von Peggy Guggenheim in Florenz, bevor die Familie Anfang der 20er Jahre weiter nach Paris zieht. Dort gründet Schiffrin unter dem Dach von Gallimard die berühmte Klassikerreihe Bibliothèque de la Pléiade und ist eng mit André Gide und Antoine de Saint-Exupéry befreundet. André Schiffrin wird 1935 in Paris geboren. Im Alter von sechs Jahren muss er mit seiner jüdischen Familie Paris auf der Flucht vor den Deutschen verlasen. Mit der Hilfe Varian Frys gelingt die Flucht aus Südfrankreich über Casablanca in die USA. Dort leitet Jacques Schiffrin zusammen mit dem ebenfalls emigrierten Verlegerehepaar Helen und Kurt Wolff den Pantheon Verlag, der maßgeblich für die Verbreitung europäischer Literatur in den USA verantwortlich ist. Zwischen einzelnen Emigranten besteht ein reger Austausch: „Hannah Arendt ging bei uns in New York ein und aus“, schreibt Schiffrin. 1961 kommt André Schiffrin zu Pantheon, sein Vater starb bereits 1949. Unter ihm wird Pantheon „zu dem links-liberalen Verlag New Yorks, der polyglotte Chef zu einem der angesehenen Intellektuellen auch in Europa“ (Michael Krüger). Als Programmdirektor des Verlags sucht Schiffrin mit Leidenschaft die Verbindungen zu den literarischen und intellektuellen Strömungen in Europa. Er veröffentlicht französische, italienische, englische und deutsche Autoren. Günter Grass wird durch ihn in den USA bekannt. Oft reist er nach Europa und ist mit Verlegerpersönlichkeiten wie Klaus Wagenbach befreundet. 1991 verlässt er aus Protest gegen die neuen Rentabilitätsvorschriften des neuen Mutterkonzerns von Pantheon, Random House, mit einigen Mitarbeitern und Autoren den Verlag und gründet seinen eigenen: The New Press. Hier erscheinen 60 bis 80 Titel pro Jahr die sich zum Teil selbst tragen, zum Teil aus Stiftungsgeldern finanziert werden. „Mein Kriterium war immer die bestmögliche Qualität“, sagt Schiffrin in einem Gespräch, und diese hat seiner Meinung nach nur dann eine Möglichkeit, entdeckt und gefördert zu werden, solange es konzernunabhängige Verlage und Medien gibt. Ohne diese komme eine Demokratie auf Dauer nicht aus: „… eine weitaus größere Gefahr – und weitaus höhere Kosten – gehen von einer Gesellschaft aus, in der niemand weiß, was es heißt, wirklich frei zu sein.“
„Ob engagiert oder nicht, bin ich überzeugt, dass man ein breites Publikum auch an zeitlich entlegene, literarisch anspruchsvolle, vielleicht schwierige Texte heranführen kann.“
[André Schiffrin in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung]
Es ist die intellektuelle Biographie eines Mannes, der mit einem fast unverbrüchlichen Glauben an die Kraft der Vernunft ausgestattet ist. [Ulrich Rüdenauer, SWR2/Forum Buch]
Joachim Unseld
Joachim Unseld und André Schiffrin
Bücher als Übersetzer u.a.: Das Badezimmer, 2004 und Die Wahrheit über Marie, 2010 (Autor: Jean-Philippe Toussaint);
als Autor: Kafka. Ein Schriftstellerleben, 1982
Von der Frankfurter Sonntagszeitung wird er als „Deutschlands enthusiastischster, literaturbesessenster Verleger“ bezeichnet. Selbst sagt er von sich: „Ich habe den schönsten Beruf der Welt.“ Dabei sieht er sich in der Tradition von Verlegerpersönlichkeiten wie Ernst Rowohlt und Kurt Wolff. Die Rede ist von Joachim Unseld, Sohn des legendären Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld. „Als Kind dieses großen Verlegers dürfte es kaum einen Menschen in Deutschland geben, der eine ähnliche literarische Sozialisierung vorweisen kann wie Joachim Unseld. Im Zuhause seiner Kindheit ging die intellektuelle Elite des Landes ein und aus – Theodor W. Adorno, Max Frisch, Uwe Johnson“, schreibt der Kritiker Christoph Schröder.
Geboren 1953 in Frankfurt am Main, macht er nach dem Abitur eine Verlagslehre bei Suhrkamp, zu einer Zeit, in der der Suhrkamp Verlag bereits die intellektuelle Institution Deutschlands ist. Die „Suhrkamp-Kultur“ beeinflusst Strömungen und Debatten, löst sie aus und lenkt sie. Unseld studiert nach der Ausbildung Germanistik, Soziologie und Philosophie und promoviert bei Walter Höllerer und Norbert Miller über Franz Kafka. Weitere Verlagserfahrungen erlangt er bei u.a. bei jeweils einjährigen Tätigkeiten für die Verlage Gallimard in Paris und Farrar, Straus und Giroux in New York.
1983 übernimmt er als designierter Nachfolger seines Vaters die Stelle des geschäftsführenden Gesellschafters der Verlage Suhrkamp und Insel und leitet wenig später überleitend die Programmarbeit für die Bereiche spanischsprachige, französische und besonders die jüngere deutschsprachige Literatur. Von 1988 bis 1991 ist er als gleichberechtigter Verleger der beiden Verlage, weiterhin verantwortlich für die jüngere deutschsprachige Literatur sowie für die Reihen edition suhrkamp und suhrkamp taschenbücher. 1990 kommt es zum Dissens mit seinem Vater. Ein Jahr darauf scheidet Joachim Unseld aus den Verlagen aus, behält aber weiterhin 20% der Gesellschaftsanteile, die er 2009 verkauft. !994 übernimmt er die angeschlagene Frankfurter Verlagsanstalt (FVA) und ist seitdem deren erfolgreicher Verleger, der Autoren wie Bodo Kirchhoff, Ernst-Wilhelm Händler und Jean-Philippe Toussaint, dessen Bücher er aus dem Französischen auch übersetzt, verlegt. Er entdeckt Autorentalente wie Christoph Peters, Zoe Jenny, Marion Poschmann oder Nora Bossong. Mehrmals erhalten Autoren von ihm den „aspekte“-Literaturpreis, die wichtigste Auszeichnung für literarische Debüts.
„Ich würde dieses Leben sofort wieder leben. Leben ist doch herrlich. Man darf nicht nur in einer lauen Badewanne plantschen. Es muss hoch- und runtergehen, sonst wird man kein Mensch. Ich beklage mich nicht“, sagt Unseld.
Wer mit Joachim Unseld spricht, ist erstaunt, wie wenig sich die Person und die öffentliche Figur, deren Bild vor allem durch die tragische Lebensgeschichte bestimmt wird, zu ähneln scheinen. Unseld blickt nach vorne. Als Verleger setzt es sich mit der Zukunft des Buches und seines Marktes auseinander und kämpft auch durchaus für seine Interessen. [Judith Lembke, Frankfurter Allgemeine Zeitung]