Die Autorenbegegnung I

Donnerstag, 24. August 2017

Die Autorenbegegnung I
Donnerstag, 24. August 2017 / Beginn: 19.30 Uhr (Einlass: 19.00 Uhr)

Orient und Okzident – Neue Brücken zwischen Ost und West

Mit:
Ilija Trojanow, Claudia Ott und Dževad Karahasan
Moderation: Jürgen Keimer

Ilija Trojanow

© Thomas Dorn

Bücher u.a.: Nach der Flucht [2017], Kampfabsage: Kulturen bekämpfen sich nicht – sie fließen zusammen [2016; mit Ranchit Hoskotè], Macht und Widerstand [2015], Der Weltensammler [2006]Als „Mann ohne Grenzen“ wurde Ilija Trojanow kurz nach Erscheinen seines Romans Der Weltensammler 2006 bezeichnet. Tatsächlich ist genau dies, die Grenzüberschreitung verbunden mit einer staunenden Neugier dem Unbekannten und Fremden gegenüber, das bestimmende Merkmal der gesamten schriftstellerischen Arbeit dieses wissbegierigen Nomaden zwischen Orient und Okzident. „Ich denke, dass ich eine gewisse Verantwortung habe, über bestimmte Themen zu schreiben. Und wenn ich so genau und so gut darüber schreibe, dass ich eine kleine Wirkung erziele, ist es besser, als betroffen zu sein. Denn Betroffenheit ist kein Rettungsring“, sagte Trojanow vor Kurzem gegenüber der Grazer Kleinen Zeitung zum Erscheinen seines neuen Buches Nach der Flucht. Dies trifft das zweite Merkmal seines Schreibens: die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Mit beidem, Grenzüberschreitung und Verantwortung, kommt Trojanow der Idee einer „Weltliteratur“ nah, wie schon Goethe sie vor gut 200 Jahren bei seiner Beschäftigung vor allem mit der persischen Literatur im Sinn hatte: Auch Trojanow geht es um Selbsterkenntnis durch die Wahrnehmung des Anderen, um die Erfahrung und Erneuerung von Bekanntem durch die Begegnung mit dem Unbekannten. Es geht ihm um die gegenseitige Bereicherung durch den Beginn eines Gesprächs, kurz: um den beglückenden und manchmal auch verstörenden Zusammenprall der Kulturen, der für Trojanow immer auch ein Plädoyer für Übersetzung, Vielsprachigkeit und Vielfalt darstellt. Kulturen und Zivilisationen können sich nur durch ein Zusammenfließen weiter entwickeln, ist Trojanow überzeugt, weshalb ihn auch die Reaktionen Europas auf die Flüchtlinge bestürzt: „Wenn die westliche Welt sich abschotten will, so glaubt sie an das Ende der Geschichte. Sie glaubt, dass ihr System das beste und letzte ist, dass die westliche Kultur abgeschlossen und fertig ist. Sie ist dem Tod geweiht.“ Dem setzt Trojanow eine Hoffnung entgegen, die sich schon im Titel seines ersten Romans formuliert: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“.
Ilija Trojanow, 1965 in Sofia, Bulgarien geboren, kam durch die Flucht seiner Eltern 1971 nach Deutschland. Er lebt heute in Wien und arbeitet als Schriftsteller, Übersetzer und Verleger.

Ilija Trojanow ist ein dichtes, hochkonzentriertes Buch gelungen - eine poetische Meditation über eine der grundlegenden Erfahrungen der Gegenwart: das Fremdsein.“
[Günter Kaindlstorfer, Österreichischer Rundfunk]

Claudia Ott

© Martin Jehnichen

Bücher u.a.: Tausendundeine Nacht: Das glückliche Ende [2016], 101 Nacht [2014], Tausendundeine Nacht [2011]Bei der neusten Übersetzung der Arabistin Claudia Ott handelt es sich um das bis dato unbekannte Ende der Geschichten von 1001 Nacht. Auf die seit langem bekannte Handschrift, die die Grundlage dafür bildete, stieß die Übersetzerin mitten in Anatolien. Dort lagerte das unvollendete Manuskript seit über 250 Jahren in der Raşit-Efendi-Bibliothek in der historischen Altstadt von Kayseri. Wie schon zuvor bei ihrer Übersetzung des arabischen Originals von Tausendundeiner Nacht war auch bei der Kayseri-Handschrift schnell klar, dass die Geschichten nicht aus der Hand eines einzigen Autors stammten, sondern Ergebnis eines fast zweitausendjährigen literarischen Austauschs waren, der von China über Indien bis nach Persien und Arabien und über Al-Andalus, also den arabisch beherrschten Teilen der iberischen Halbinsel, bis nach Europa übermittelt wurde. Am Beispiel ihrer jüngsten Übersetzungsarbeit zeigt sich für Claudia Ott, die wie Ilija Trojanow eine Vermittlerin zwischen Orient und Okzident ist, nicht nur, dass der Orient kein Singular ist, sondern das Kulturen erst dann „welthaltig“ werden, wenn sie im Austausch miteinander stehen. Als Literaturübersetzerin kommentiert sie die politische Lage im Nahen Osten nicht gerne, von einem ist sie jedoch überzeugt: „Ich war und bin oft in arabischen Ländern unterwegs und habe dort Freunde und Kollegen – auch manche, die inzwischen geflohen sind. Aber genau das bestärkt mich darin, den allgegenwärtigen Konflikten und der Masse von schlechten Nachrichten die Literatur als eine Quelle von Fantasie, Träumen und Lebensweisheit entgegenzusetzen. Das ist gerade in so schweren Zeiten umso wertvoller.“
Claudia Ott, 1968 in Tübingen geboren, studierte Islamwissenschaften, Arabistik, Iranistik und weitere orientalische Fächer in Jerusalem und Tübingen. Ursprünglich wollte sie Flötistin werden und verdiente sich ihr Studium in Jerusalem als Musiklehrerin. Nach ihrer Promotion erlernte sie in Kairo das Spielen der arabischen Rohrflöte „nay“. Sie ist Mitglied mehrerer internationaler Ensembles für orientalische Musik und zudem Chorleiterin des Martinschores der niedersächsischen Gemeinde Beedenbostel, wo sie mit ihrer Familie lebt.

„Claudia Ott liefert mit ihrer glänzenden Übersetzung samt lehrreichem Nachwort ein bewundernswertes Beispiel für die Fantasie und intellektuelle Freude, die die islamische Zivilisation über Jahrhunderte hinweg ausgezeichnet hat.“
[Berthold Seewald, Die Welt]

Dževad Karahasan

© faktor.ba

Bücher u.a.: Der Trost des Nachthimmels [2016], Die Schatten der Städte [2010], Tagebuch der Aussiedlung [1993]

„Seit ich erzähle, bewusst erzähle, versuche ich, Sarajevo zu erzählen“, sagte Dževad Karahasan 2012 gegenüber der Deutschen Welle. Kurz zuvor erhielt er die Goethe-Medaille, einen Preis der Menschen ehrt, die sich vor allem um den Kulturaustausch verdient gemacht haben. Karahasan, der dieser Auszeichnung mehr als würdig ist, sieht sich eigentlich nicht als Brückenbauer: „Für mich ist es vollkommen normal, dass die Menschen, eben weil sie mit Geist beschenkt wurden – oder durch den Geist verflucht worden sind – in mehreren Kulturen leben und sich ihrer Identität als ein fließendes Phänomen bewusst sind“, sagt er.
So ist es nicht nur Karahasan, der Sarajevo erzählt, sondern es ist auch die Stadt Sarajevo, die Karahasan erzählt. Denn einerseits ist diese Stadt wie ein Buch, indem Sie die Zeit in ihren Straßen, Plätzen, Denkmälern, Gebäuden, Museen, Kirchen, Restaurants, Geschäften, Bahnhöfen und Parks in sich speichert. Andererseits ist Karahasan der Mensch, den die Stadt in ihren Straßenzügen, Café`s, Häusern, Parks, auf ihren Bahnhöfen und Friedhöfen in sich aufnimmt, damit er von ihrem Wesen und ihrer Identität erzählen kann. Beides bildet sich aus dem Nebeneinander, Miteinander und Gegeneinander der verschiedenen Architekturen, Menschen, Konfessionen, Ethnien, Sprachen immer wieder neu heraus und stellt in ihrer kulturellen Mehrstimmigkeit für Karahasan eine idealtypische Metapher der Welt dar. Zuerst wäre es aber schon viel wert, wenn die Stadt als mögliche Vorstellung für ein zukünftiges Europa stünde. Wie das funktionieren könnte, kann man in den Büchern Karahasans lesen: Alles beginnt mit einem Gespräch zwischen Menschen, die sich nicht gleichgültig gegenüber stehen und die erfahren haben, dass die fremde Identität eine Bedingung für das Verstehen und Artikulieren der eigenen Identität ist.
Karahasan wurde 1953 in Duvno im heutigen Bosnien-Herzegowina als Sohn einer Muslimin und eines Kommunisten geboren. Obwohl muslimischen Glaubens, besuchte er eine Franziskanerschule und wurde in den klassischen Sprachen, Philosophie und Theologie unterwiesen. Anschließend studierte er Literatur- und Theaterwissenschaften in Sarajevo. 1993 floh er gemeinsam mit seiner Frau aus der belagerten und umkämpften Stadt. Mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, gehört Karahasan zu den bedeutendsten europäischen Gegenwartsautoren. Neben seiner Arbeit als Schriftsteller ist er Präsident des bosnisch-herzegowinischen Schriftstellerverbandes. Er lebt in Sarajevo und in Graz.

„Wer den bosnischen Schriftsteller Dževad Karahasan jemals erlebt hat, kennt den philosophischen Überschuss, der seiner Rede innewohnt. (…) Die zahllosen Schätze, die er mit didaktischem Charme, theatralischer Verve und luzidem Humor ausbreitet, erzeugen im Zuhörer einen Taumel.“ [Andreas Breitenstein, Neue Zürcher Zeitung]