Der Lyrik-Abend

Freitag, 25. August 2017

Anna Maria Carpi

stellt ihren Gedichtband Entweder bin ich unsterblich [2015] vor.

„Schwierig aber scheint mir das Weiterleben bzw. die Erneuerung des Romans zu sein, obwohl wir in einer Sintflut von Romanen ertrinken. Unsere Schicksale sind flacher geworden, unsere Dramen werden von den visuellen Medien verwaltet. Wir sollten uns eher dem Essay, der Philosophie im weiten Sinne zuwenden oder eben der Poesie“, sagte die italienische Schriftstellerin und Lyrikerin Anna Maria Carpi 2014 in ihrer Rede zur Aufnahme in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Für ihr Lebenswerk wurde Anna Maria Carpi im selben Jahr in Italien mit dem Premio Carducci ausgezeichnet, wobei die Jury ihre Dichtung mit der der polnischen Literaturnobelpreisträgerin Wisława Szymborska verglich. Obwohl Carpi neben Patrizia Cavalli zur wichtigsten Stimme der zeitgenössischen italienischen Lyrik zählt, hat sie dieser Vergleich gewundert. Ihre poetische Schule war weder die polnische noch die italienische Lyrik, sondern vor allem die deutsche Dichtung, denn als Übersetzerin hat sie unter anderem Nietzsche, Rilke, Benn, Celan, Heiner Müller, Durs Grünbein oder auch Michael Krüger ins Italienische übertragen. Dennoch ist der Vergleich mit der polnischen Literaturnobelpreisträgerin nicht von der Hand zu weisen, denn wie bei Szymborska beginnen auch bei Anna Maria Carpi die alltäglichsten Dinge zu schweben, denen sie mit einfachsten Wörtern und großer Zurückhaltung einen universellen Wert völlig ohne Pathos zuspricht. „Anna Maria Carpi packt einen am Schopf und schon steckt man mitten in einer Geschichte“, schreibt die Literaturkritikerin Maike Albath über ihre Poesie. Dabei weiß Carpi um die verlorenen Orientierungen und Sicherheiten der Gegenwart sehr wohl Bescheid. Voll heiterer Melancholie halten ihre Gedichte die Möglichkeiten des Lebens immer offen und beginnen ein Gespräch mit den Lesern. „Das Dichten aber“, sagt sie, „erwächst aus meinem Drang, `mit den anderen` zu kommunizieren, und zwar über unser Verlorensein in dieser so stark medialisierten Welt, die sich doch so sehr nach Unsterblichkeit sehnt.“ Dabei ist die Hoffnung auf etwas und nicht die Verzweiflung der Motor von Carpis Poesie.
Die 1939 in Mailand geborene „Tochter einer emilianischen Mutter und eines toskanischen Vaters“ studierte Deutsch und Russisch in Mailand und war Dozentin für deutsche Literatur mit Lehraufträgen in Mailand, Macerata, Venedig und Bonn. Mit der Veröffentlichung von Gedichten, die sie seit jeher schreibt, begann Carpi erst zu Beginn der 1990er Jahre. Neben mehreren Gedichtbänden schrieb sie auch vier Romane.

„Man liest sich in ihren Gedichten sofort fest, nicht anders als bei guten Romanen oder Novellen. Sie fesseln einen mit ihrer menschlichen Problematik, oft schon in einem einzigen Satz.“ [Durs Grünbein im Nachwort von Anna Maria Carpis Gedichtband]

SAID

stellt seinen neuen Gedichtband auf der suche nach dem licht [2016] vor.

Die Würde des Menschen besteht darin, lieben zu können. Dieser Aussage würde der Schriftsteller SAID höchstwahrscheinlich zustimmen. „ich rufe nur meine liebe in die welt hinaus, bis sie zum aufruhr wird und euch erfasst“, legt er Jesus von Nazareth in seinem Essayband „Das Niemandsland ist unseres“ in den Mund. Demut vor der leisen Kraft der Poesie und dem Gefühl der Liebe als einzig mögliche Verbindung und Verständigung der Menschen untereinander bilden die Ausgangspunkte für das umfangreiche Werk von SAID. Dahinter öffnet sich für den Leser und die Leserin eine existentielle Universalität und Nähe in den Arbeiten dieses Schriftstellers, die ihre Zeitlosigkeit und allgemeine Gültigkeit aus der unbedingten Unabhängigkeit sowohl des Autors als auch des Menschen SAID vor jedweder kurzlebigen Mode und Gleichschaltung im Leben wie im Denken bezieht.
1947 in Teheran geboren, kam SAID 1965 zum Studieren nach Deutschland. Zu einem Exilanten wurde er erst hier, durch seine politisch-oppositionelle Tätigkeit zunächst gegen das Schah-System und später dann auch gegen das Mullah-Regime, das sich nach dem Sturz des Schahs im Iran einrichtete. Seit 2004 besitzt SAID die deutsche Staatsbürgerschaft. Obwohl er seit seinen schriftstellerischen Anfängen vor über 40 Jahren fast immer nur auf Deutsch schreibt, verbinden sich in seinem ganzen Schreiben dennoch zwei Welten zu einer „Zwangsgemeinschaft“: Die Welt der Fremde und die Welt der verlorenen Heimat – Deutschland und Iran, das Deutsche und das Persische. Aus diesem Kompositum zweier Sprachwelten, dieser Zusammensetzung aus Fremde und entfremdeter Heimat, entwickelte sich bei SAID ein tiefes Anliegen seines Schreibens: Er versteht insbesondere seine Poesie als eine Brücke von Mensch zu Mensch und von Kulturraum zu Kulturraum. Hier schreibt einer, für den Vernunft, Freiheit und Religion keine Gegensätze darstellen. Als „Vermittler zwischen den Kulturen“ verlieh ihm 2014 der damalige Bundespräsident Joachim Gauck das Bundesverdienstkreuz am Bande. Aus dem gleichen Grund wurde er vor einem Jahr mit dem Friedrich-Rückert-Preis ausgezeichnet.
Sein gesamtes Werk muss als Teil eines Dialogs unter hoffenden, an die Zukunft glaubenden Menschen begriffen werden, geschrieben, um die Liebe endlich wieder aus der Hinterstube zu befreien, denn „dort, wo keine liebe ist, wächst kein verstehen“. Und dort, wo kein Verstehen ist, ist „der frieden / ein lidschlag der geschichte“.
SAID heißt übersetzt „der Glückliche“. In diesem Fall darf sich die deutsche Sprache glücklich schätzen, einen solchen Dichter an ihrer Seite zu haben.

„SAID schreibt Gedichte, die weit über das Lesevergnügen nachwirken. Es gibt nicht immer Anlass, zeitgenössische Lyrik in den Himmel zu heben – SAIDs außergewöhnlich gute Gedichte aber bestimmt.“ [Matthias Ehlers, WDR 5]

Ellen Hinsey

stellt ihren Gedichtband Des Menschen Element [2017] vor.

„Für mich ist das Schreiben ein existentieller Dialog in dem Sinn, dass wir uns alle immer in einem Prozess befinden, in dem wir Dinge außerhalb von uns wahrzunehmen, ob das die Natur ist, das oder der Andere oder unser Versuch zu verstehen“, sagte Ellen Hinsey 2011 in einem Interview. 1960 wurde sie in Boston, Massachusetts, geboren. Die Literatur entdeckte sie als Autodidaktin, nachdem sie nach einem Studium der Bildenden Kunst an der Tufts University in Boston 1987 beschloss, nach Paris zu ziehen. Hier studierte sie Literatur an der Université Paris VII. und unterrichtete dann zunächst an der Ecole Polytechnique. Seit fast dreißig Jahren lebt sie nun schon in Europa und fand hier einen Hintergrund für ihr Schreiben, der sich aus dem ständigen Dialog zwischen Philosophie, Ethik und Geschichte zusammensetzt. Ihr erster Gedichtband Cities of Memory erschien 1996 und wurde mit dem Yale University Series Award ausgezeichnet.
Für ihren dritten im Jahr 2009 veröffentlichten Gedichtband Update on the Descent, wohnte Ellen Hinsey ab 2002 in Den Haag den Sitzungen des Internationalen Strafgerichtshofes für das ehemalige Jugoslawien als Zuhörerin bei. Unter dem Titel Des Menschen Element erschien dieses Buch als erster Gedichtband von ihr in diesem Frühjahr auf Deutsch. Wie schon Dante einige Jahrhunderte vor ihr, so steigt auch Hinsey hinab in die unfassbare Hölle des menschlichen Umgangs miteinander. Wie bei Dante so liegt auch für Hinsey der Sinn des Schreibens dabei in einem Geführtwerden durch die Welt, wobei der Dichter Zeugenschaft ablegt. „Dichtung, Poesie ist eine Form der Selbstbefragung von uns selbst und unseren Wahrheiten“, sagt Hinsey.“ Und so liest man hier mit großem Erstaunen, mit welch unglaublich musikalisch-visueller Ausdrucksqualität diese Dichterin eine Sprache für das Unsagbare findet, das eintritt, wenn der Wegfall ethischer Aspekte die Türen für die Abgründe des menschlichen Daseins weit öffnet. Trotz dieser Einsicht gibt Hinsey die Hoffnung nicht auf, dass der menschliche Geist auch unter den verheerendsten Umständen einen Weg finden kann, die Möglichkeit für menschlichen Anstand, ein Verständnis für das Gute, die Fähigkeit, die Wahrheit auszusprechen, und die Kraft der Liebe zu erneuern. Ein Weg besteht in der Poesie: „Oftmals wird beklagt, dass sich Poesie einfach nicht verkaufen lasse, auf der anderen Seite heißt das aber auch, die Poesie lässt sich eben nicht kaufen.“ Diese Art der Nichtkäuflichkeit, der Nichtkorrumpierbarkeit macht Ellen Hinsey Mut.

„In Zeiten, da viele Poeten sich verschreckt auf intime oder zeitkonforme Themen beschränken, belebt es alle Sinne, auf eine Dichtung von solcher Dimension und Ambition zu treffen.“
[Robert Chandler im Nachwort von Ellen Hinseys Gedichtband]