Das Autorenporträt

Samstag, 26. August 2017

Samstag, 26. August 2017 / Beginn: 20.30 Uhr

Die Wahrnehmung des Lebens
durch die Wahrnehmung der Sprache

Die Schriftstellerin Herta Müller
Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2009
Moderation: Jürgen Keimer

Herta Müller

Stephanie von Becker

Bücher u.a.: Mein Vater war ein Apfelkern [2014], Vater telefoniert mit den Fliegen [2012], Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel [2011], Atemschaukel [2009]

„Ich kenne das Gehorchen im Überdruss, du sollst präpariert werden
für etwas, du sollst es im Leben für unbedingt notwendig halten.
Aber im Kopf entsteht genau das Gegenteil, du sagst dir, nie wieder (…).
Du machst dich frei, mindestens diese umgekehrte Freiheit geht einfach.“
[Herta Müller aus „Mein Vater war ein Apfelkern“]

Es ist Sonntag, der 18. Oktober 2009. Der letzte Tag der Frankfurter Buchmesse. Soeben hat Claudio Magris in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen bekommen. Die Preisverleihung ist zu Ende und die Paulskirche leert sich. Sehr zum Schluss verlässt eine zierliche Person mit tiefdunklen Haaren die Paulskirche. Die Schriftstellerin Herta Müller, die geradewegs auf die dunkle Limousine des Fahrdienstes zugeht. Beim Publikum, das auf dem Platz vor der Kirche steht, regt sich vorsichtiger Beifall der rasch in einen anhaltenden Applaus übergeht. Herta Müller schaut sich unsicher, vielleicht auch ein wenig misstrauisch um. Aber ohne Zweifel gehört der Applaus ihr. Drei Tage zuvor, am Donnerstag, hat das schwedische Nobelpreiskomitee die Verleihung des Literaturnobelpreises an Herta Müller bekannt gegeben. Ein, fast ein wenig ängstliches, Lächeln kehrt in ihr Gesicht ein. Sie winkt flüchtig, ein in der Schwebe befangener Unglauben, und steigt in die Limousine.

Es war das Aufflackern eines an die Wirklichkeit sich herantastenden Misstrauens, welches bei dem Leser, der gleichzeitig Beobachter dieser Szene war, eine Verbindung zu den Romanen, Essays, lyrischen Collagen, usw., also zum Schreiben Herta Müllers hervorrief. Herta Müller ist der Sprache gegenüber misstrauisch. Sie schreibt, indem sie sich vorsichtig und mit Bedacht an die Wörter und Sätze herantastet. Dafür ist ihr der Begriff „Literatur“ viel zu abstrakt. „Der Literatur bin ich keinen Satz schuldig“, schreibt sie, „sondern dem Erlebten. Mir selber und mir allein, weil ich das, was mich umgibt, sagen können will.“

Herta Müllers Sprache entstand aus dem beredten Schweigen und der dialektgefärbten Dorfsprache des rumänischen Nitzkydorf, in dem sie 1953 geboren wurde. Ihre Familie gehörte zur deutschen Minderheit der Banater Schwaben. Obwohl sie aus ärmlichen Verhältnissen stammte, studierte Müller nach dem Abitur an der Universität des Westens in Temeswar Germanistik und Rumänistik. In dieser Zeit stand sie den Autoren der „Aktionsgruppe Banat“ nahe, zu denen unter anderem Richard Wagner, Rolf Bossert und Ernest Wichner gehörten. Nachdem die Gruppe vom rumänischen Geheimdienst Securitate zerschlagen wurde, organisierten sich die Autoren in der „Schriftstellervereinigung Adam Müller-Guttenbrunn“ neu, in der Herta Müller die einzige Frau war.
Nach Abschluss des Studiums arbeitete sie ab 1976 als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik. Zu diesem Zeitpunkt begann die rumänische Geheimpolizei damit, sie als Spitzel rekrutieren zu wollen. Herta Müller widerstand den Versuchen und wurde deswegen zum Opfer von Aktionen, die sie innerhalb ihres gesellschaftlichen Umfeldes verleumdeten und isolierten. Drei Jahre lang widersetzte sie sich dem Druck der Securitate in der Maschinenfabrik, wurde dann aber 1979 entlassen. Fortan verdiente sie ihren Lebensunterhalt durch die zeitweilige Tätigkeit als Lehrerin, arbeitete in Kindergärten und gab privaten Deutschunterricht. Dem Druck der Todesangst durch die ständige Bedrohung des Geheimdienstes mildert Herta Müller seitdem durch ihr Schreiben. Für die Wahrnehmung eines Lebens, dessen Würde auch in einer Diktatur aufrecht erhalten bleibt, versucht sie durch Sprache eine Wahrheit zu erfinden, „die zeigt, was in und um uns herum passiert, wenn die Werte entgleisen.“ Gerade dies macht das Werk Herta Müllers heute so aktuell wie gegenwärtig, in einer Zeit, in der viel vom Bewahren einer Freiheit die Rede ist, von der es scheint, dass niemand genau weiß, was sich hinter diesem Wort eigentlich verbirgt.

Herta Müller reiste 1987 schließlich aus Rumänien aus und kam nach Deutschland, wo sie zunächst unter dem Verdacht, eine Securitate-Agentin zu sein, im deutschen Auffanglager Nürnberg-Langwasser mehrere Tage vom Bundesnachrichtendienst und vom Verfassungsschutz verhört wurde, bevor sie weiter nach Berlin ziehen konnte, wo sie bis heute als Schriftstellerin lebt.

In einem Essay über das Buch weiter leben von Ruth Klüger schrieb Herta Müller: „Jeder Satz zerstört die Ruhe des vorherigen, in der wir uns eingerichtet haben. Sie wird uns genommen, denn die Offenheit des nächsten Satzes ist mit der des vorherigen nicht zufrieden. Dies ist die Unruhe der bedingungslosen Ehrlichkeit.“
Besser lässt sich auch das Werk der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller nicht beschreiben.

„Es gibt Literatur, die ihre tieferen Qualitäten erst langsam, Schritt für Schritt offenbart. Und dann gibt es Literatur, die den Leser sofort direkt anspricht und fesselt. Herta Müllers Werk gehört zu letzterer. In ihrer Prosa findet sich eine sprachliche Energie, die uns von Beginn an mit einbezieht. Es steht etwas auf dem Spiel, bei dem es um Leben und Tod geht. Wir spüren das schon an der Temperatur, dem kurzen Atmen, dem markanten Detail, an allem, das angedeutet wird, aber ungesagt bleiben muss. Diese Energie kommt aus der Weigerung, das zu akzeptieren, was ist.“
[Anders Olsson, Auszug aus der Nobelpreis-Laudatio auf Herta Müller]